Berlin : Im Größenwahn abgekoppelt

Ein Fernverkehrsnetz mit dem Bahnhof Zoo hätte viel Geld und Reisezeit gespart Von Michael Cramer

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Der neue CDULandeschef Ingo Schmitt initiiert eine Unterschriftenkampagne gegen ein Bahnkonzept, das er einst als Staatssekretär gegen Stadtforum und Grüne selber durchgeboxt hatte. Demnach sollte die Stadt nicht mehr in Ost-West-, sondern in Nord-Süd-Richtung durchquert werden. Die Züge fahren dann zwar 5 Minuten schneller, die Reisezeit für die Fahrgäste dauert aber bis zu 30 Minuten länger.

Beim neuen Hauptbahnhof fehlt die nahverkehrliche Anbindung in Nord-Süd-Richtung. Das unterscheidet ihn vom Bahnhof Friedrichstraße, der mit mehreren U-, S- und Straßenbahnlinien erschlossen ist. Zwar sollte dieses Defizit durch eine S-Bahn (S 21), eine U-Bahn (U 5) und eine Straßenbahn behoben werden, doch wurden bis heute nicht einmal die Tramschienen gelegt.

Berlin ist so groß wie das Ruhrgebiet von Düsseldorf bis Bochum, von der holländischen Grenze bis zum Sauerland. In diese dezentrale Stadtstruktur einen Zentralbahnhof zu implantieren, war ungefähr so intelligent, wie in Wanne-Eickel einen Zentralbahnhof zu bauen und die Hauptbahnhöfe Essen, Dortmund und Bochum vom ICE-Verkehr abzukoppeln. Über diesen Vergleich haben Haase, Schmitt, Diepgen und Staffelt damals gelacht, heute weinen sie Krokodilstränen.

Die Alternative, passend zur dezentralen Stadtstruktur, war das Ringkonzept mit einem Bahnhof Friedrichstraße, der näher am Reichstag liegt, als der Lehrter Bahnhof. Statt für Milliarden U 5, S 21, Zentralbahnhof und vier Gleise im Nord-Süd-Tunnel zu bauen, hätten dort lediglich die Bahnsteige verlängert werden müssen. So wäre auch der Flughafen Schönefeld mit integriert geblieben.

Um ihrem Größenwahn zu frönen, wollten sich Senat und Bahn auch nicht mit zwei Tunnelgleisen zufrieden geben. Die dritte und vierte Tunnelröhre ließen sich aber nur dann rechtfertigen, wenn wirklich alle ICE-Züge von der Stadtbahn abgezogen und der Airport-Shuttle in den Tunnel verlegt würde. Die kostenträchtige Fehlentscheidung für die zwei überflüssigen Röhren hatte die Abkopplung der Bahnhöfe Zoo, Ostbahnhof und Schönefeld zur Folge.

Eigentlich werden Milliarden investiert, um Fahrzeiten zu verkürzen. In Berlin wurden sie ausgegeben, um Reisezeiten zu verlängern. In Frankfurt am Main wurden Milliarden investiert, um den Flughafen in den ICE-Verkehr zu integrieren, in Berlin wurden sie ausgegeben, um die bestehende Anbindung über Stadtbahn und Außenring zu zerstören, obwohl sie kürzer ist.

Heute ist das Kind in den Brunnen gefallen und die, die es hineingeschubst haben, sammeln Unterschriften zu seiner Rettung.Da man die milliardenschweren Fehlinvestitionen nicht ungeschehen machen kann, muss gerettet werden, was zu retten ist. Schönefeld, Ostbahnhof und Zoo dürfen vom ICE-Verkehr nicht abgekoppelt werden. Notwendig ist ein Mix aus Regional- und Fernverkehr sowohl auf den Gleisen des Nordrings und im Tunnel, als auch auf denen der Stadtbahn mit Zoo und Ostbahnhof.

Darüber hinaus müssen die überflüssigen Tunnelröhren für die nahverkehrliche Anbindung des Lehrter Bahnhofs genutzt werden. Mit einer S 21 im Tunnel ließe sich als reine S-Bahn zum S-Bhf. Westhafen oder als Zweisystembahn zum S-Bhf. Wedding die fehlende Nord-Süd-Verbindung zeitnah realisieren. Dafür braucht es Intelligenz statt Beton. Es wäre zu schön, wenn Senat und Bahn allen beweisen könnten, dass Berlin tatsächlich ein „Verkehrskompetenzzentrum“ werden kann.

Der Autor ist Abgeordneter der Grünen im Europa-Parlament und langjähriger Verkehrsexperte der Grünen in Berlin.

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