Berlin : Im Grunde ist alles, als sei nichts gewesen

Bernd Matthies

Düsterhauptstr.1, Waidmannslust. Täglich 12-14 und ab 19 Uhr, sonntags und montags geschlossen, Telefon: 4023099, alle Kreditkarten.Bernd Matthies

Man kann ja über Siegfried Rockendorf praktisch nicht schreiben, ohne sofort in einem Verhau von offenen Fragen und falschen Antworten zu landen. War da nicht mal? Hat er vielleicht? Alle haben was gehört von geschäftlichen Katastrophen, neulich wurde die überstürzte Abwicklung seines desaströsen Leysieffer-Projekts mal wieder vor dem Kadi hin und her gewendet, und nur ganz gelegentlich erinnert sich ein Gerechter auch mal daran, dass er über lange Jahre praktisch der einzige international bekannte Berliner Koch war und hart daran gearbeitet hat, diesen Status zu behaupten in einer Stadt, die die feine Küche ungefähr so wichtig fand wie die zweite Gartentür fürs U-Boot.

Das zumindest hat sich gründlich geändert - nur hatte man eine Weile den Eindruck, Rockendorf sei nach seinem kaufmännischen Totalabsturz schon gar nicht mehr dabei. Das Gerücht der angeblich unmittelbar bevorstehenden Schließung geisterte wiederholt durch die Szene, manchmal war am Freitagabend alles dunkel im Restaurant, und der Meister selbst sagte schon mal auf seine spezifisch unheilschwangere Art, er mache das nun mit einem Helfer alles allein. Macht er aber nicht mehr: Inzwischen gibt es wieder eine kleine, qualifizierte Brigade, und im Grunde ist alles, als sei nichts gewesen, ein wenig spätwestberlinisch, exquisit und sehr, sehr teuer mit der Beschränkung auf ein Menü, abends vier Gänge Mimimum.

Aber die unweigerlich spätestens jetzt aufkommende Frage, ob es das denn wert sei, werde ich auch heute nicht beantworten. Dem Multimillionär kann es eh wurscht sein, und der 2300-Mark-netto-im-Monat-Kleinsparer wird es sich ohnehin nicht leisten. Ist ein Daimler der S-Klasse sein Geld wert? Sehen Sie.

Für 140 bis 198 Mark (vier bis acht Gänge abends, mittags drei für 78 Mark) kann man hier nach wie vor erwarten, dass allerfeinste, sehr teure Grundprodukte nach den Regeln der Kunst fehlerfrei und mit Phantasie verarbeitet werden. Am Tiefpunkt vor zwei Jahren, als ich zum letzten Mal über dieses Restaurant geschrieben habe, war die Lustlosigkeit mit Händen zu greifen - das ist vorbei. Rockendorf trägt sein Menü vor, ein wenig lockerer als früher, gleich im Anschluss lässt er prima winzige Deftigkeiten auftischen, ein Cassoulet, eine Entenbratwurst auf Champagnerkraut, ein Wachtelspiegelei mit Krabben, und die erste Vorspeise ist für seine Verhältnisse geradezu exaltiert. Eine Rotbarben-Morchel-Terrine, saftig-aromatisch, dazu ein mariniertes Rotbarbenfilet wie eine Art Luxus-Brathering, außerdem etwas Salat, angemacht mit dem ziemlich dominant auftretenden Kürbiskernöl; das war uns bei aller Detailqualität ein bisschen viel auf einem Teller und wirkte fast wie der Versuch, die expressionistischen Tellerlandschaften der Konkurrenz zu parodieren.

Ganz klassisch im kleinen Tässchen dagegen die würzige Taubenessenz mit gebratener Gänseleber, herrlich der zarte bretonische Hummer mit Kamillenwürze und gebratenem Spargel, der alle Skeptiker widerlegte, die nur noch den weitverbreiteten faden Überseehummer kennen und deshalb zum Gewürzextremismus neigen. Dagegen verblasste sogar der taufrische und äußerst genau gegarte Steinbutt mit Beaujolais-Mangold, bevor ein Rockendorf-Klassiker, der Rehrücken mit Essigkirschen und Balsamico-Sauce, die Bühne betrat, vorzüglich wie immer. Alternativ als Fleischgang: Bresse-Taubenbrust auf Berglinsen, sehr fein und aromatisch. Schließlich zum Dessert, wieder ein bisschen viel auf einem Teller, eine knusprige Pfirsich-Dattel-Tarte mit Erdbeer-Orangen-Salat plus einem etwas uneindeutigen Limonen-Salbei-Eis; gegen die Qualität ließ sich wiederum nichts einwenden. Beim Wein ist die enzyklopädische Fülle der reichen Jahre einem kostenbewussten Pragmatismus mit vielen deutschen Abfüllungen gewichen, den freilich niemand als Aufruf zur Schnäppchenjagd missverstehen sollte: 97er Rüdesheimer Riesling Kabinett von Kesseler, sehr rund und duftig, ist für satte 75 Mark zu haben, Mineralwasser, ebenfalls deutscher Provenienz, für weitere 16 (0,7l). Man rechne zu zweit abends mit glatt 500 Mark, ohne, dass es auch nur ansatzweise zu orgienähnlichen Zuständen käme.

Ja, und nun wäre eigentlich auch noch die Grundsatzdiskussion fällig: Haben kleine, exklusive Feinschmeckerrestaurants am Stadtrand mit Türklingel wie dieses wirklich noch Zukunft in Berlin? Weil ich das aber auch nicht weiß, wird nicht diskutiert. Es hat jedenfalls sehr gut geschmeckt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben