Berlin : Im Haus des Wundertrainers

Einst lebte Sepp Herberger in der Bülowstraße 89. Daran erinnert jetzt eine Tafel

Thomas Loy

Wo einst der Reichstrainer Josef Herberger wohnte, leben jetzt Herr Ahmad, Herr Akbas und Herr Louh. Herr Ahmad kennt den Namen Herberger nicht, spielt auch nicht Fußball. Herrn Akbas fällt zu Herberger gar nichts ein, zum Kiez schon: „Zuviele Junkies, echt schlimm hier.“ Aber einer weiß Bescheid: Herr Louh, Zahnarzt aus Palästina, kennt Herberger als den „Mann mit Hut. Wunder von Bern, na klar.“ Herr Louh ist unbestritten Experte und erklärter Fan der deutschen Nationalmannschaft. Dass Herberger mal hier in seinem Haus, Bülowstraße 89, gewohnt hat, ist ihm eine große Ehre.

Heute wird eine Gedenktafel am Haus Bülowstraße 89 angebracht. Sie erinnert an den Bewohner Josef „Sepp“ Herberger (1897–1977), erst Reichs-, später Bundestrainer, der von 1937 bis 1944 in dem Haus wohnte. ’44 wurde er ausgebombt und zog mit seiner Frau zu den Schwiegereltern nach Weinheim.

Herbergers „Berliner Jahre“ begannen 1926. Der damals schon bekannte Fußballstar zog nach Berlin, um an der „Deutschen Hochschule für Leibesübungen“ zu studieren und für Tennis Borussia zu kicken. 1932 verlässt er die Stadt für zwei Jahre, wird Verbandstrainer im Westen Deutschlands. Das Olympia-Debakel der Nationalmannschaft 1936 gegen Norwegen (0:2) leitet Herbergers Aufstieg ein. Er wird Reichstrainer, doch große Erfolge kann er nicht erringen. Bald lähmt der Krieg den Spielbetrieb. 1944 wird Herberger „Truppenbetreuer“. Herberger war 1933 in die NSDAP eingetreten, „wie man in einen Verein eintritt“, sagte er später. Er verhielt sich wie die breite Masse, als Opportunist und Mitläufer. „Zusammenhänge wollte er nicht sehen und seine Beteiligung am deutschen Geschick nicht reflektieren“, schreibt sein Biograph Jürgen Leinemann. Den Gewinn der Weltmeisterschaft 1954 bezeichnete Herberger als „Endsieg“.

Spuren von ihm in der Bülowstraße 89 gibt es nicht mehr. In welcher Wohnung er lebte, ist unklar. Es muss ein schönes Haus gewesen sein, mit Jugendstilornamenten im Treppenhaus und Drachenfiguren in der Hofeinfahrt. Heute wirkt es abgenutzt und verlebt. „Was weißt du schon von der (Sehn)sucht???“ steht an die Wand gekritzelt. Das könnte aus den 80er Jahren stammen, als das Haus in die Annalen der Hausbesetzerbewegung einging.

Am 22. September 1981 ließ Innensenator Heinrich Lummer (CDU) das besetzte Haus Bülowstraße 89 räumen und gab in Siegerpose eine Pressekonferenz. Draußen aber entwickelte sich eine erbitterte Straßenschlacht zwischen Polizei und Autonomen. Am Ende liegt ein Toter auf der Straße, überfahren von einem BVG-Bus: Klaus-Jürgen Rattay. Doch diese Ära ihres Hauses liegt den heutigen Bewohnern eher noch ferner als die Zeit des ruhigen Mieters Herberger.

Die Bülowstraße 89 übrigens war schon in der Weimarer Zeit eine interessante Adresse: Hier residierte bis 1933 die „Gesellschaft für Sexualreform“, gegründet von Felix Theilhaber, einem Mitstreiter des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld.

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