Berlin : Im „Heilgarten“ neue Wurzeln schlagen

Das Zentrum für Folteropfer zieht ins frühere Krankenhaus Moabit. Entstehen soll auch ein Patientengarten. Christina Rau eröffnet das Projekt am Freitag

Tim Ackermann

Auch die strahlende Morgensonne verleiht dem verwahrlosten, kleinen Park des früheren Krankenhauses Moabit keinen Glanz. Die wenigen Bäume sind vor kurzem beschnitten worden. Dazwischen steht eine alte Parkbank. Doch Elisabeth Hauschildt malt sich schon einen Traumgarten aus. „Auf der Rasenfläche ist Platz für drei große Beete“, beschreibt die Biologin ihren Plan und bringt in Gedanken Blumen zum Blühen, Kürbisse und Zucchini zum Reifen.

Hauschildts idyllische Vorstellung hat eine traurigen Anlass: Die Menschen, die später den Garten nutzen sollen, sind traumatisierte Kriegsflüchtlinge – Menschen, die Folter erleiden mussten oder denen brutalste Gewalt angetan wurde. Aus ihrer Heimat vertrieben, kamen sie über abenteuerliche Wege nach Berlin. Mit einem neuen Therapieansatz – dem „Interkulturellen Heilgarten“ – will das Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin (BZFO) erreichen, dass diese Menschen in der Fremde wieder „Wurzeln schlagen“. Rund 25 therapiebedürftige Patienten aus so verschiedenen Ländern wie Tschetschenien, der Türkei oder dem Irak sollen gemeinsam den Garten bewirtschaften, miteinander deutsch sprechen und sich eine neue Perspektive aufbauen.

Die Idee zu diesem Projekt habe sich aus den Erfahrungen bei der Therapie von traumatisierten Flüchtlingen entwickelt, erklärt Frank Merkord vom BZFO. Das Zentrum für Folteropfer zieht jetzt nach Moabit, deshalb bot sich dieser Platz für den Garten an. „Wir haben nach etwas Heilem in Menschen gesucht, deren Persönlichkeit fast völlig zerstört war“, sagt der Sozialtherapeut Merkord. Die Erinnerung an das Alltagsleben in ihrer Heimat wecke oft positive Gefühle. Viele der Flüchtlinge hätten auf dem Land gelebt, als Schafhirte gearbeitet oder in einem kleinen Garten ihr eigenes Gemüse angebaut. „Die Idee lag nahe, eine Therapieform mit Bezug zur Natur auszuprobieren.“ Im „Heilgarten“ können die Patienten Pflanzen anbauen, die sie aus ihrer Heimat kennen.

Die Gartenarbeit unterstützt die Therapie: Der Jahreszyklus der Pflanzen bietet Verlässlichkeit und Stabilität. Der Anbau von eigenem Gemüse löst die Flüchtlinge aus der Rolle passiver Hilfeempfänger. Doch am wichtigsten ist Merkord der Gemeinschaftsgedanke: „Folteropfer sind wegen ihrer grauenvollen Erlebnisse sehr vorsichtig im Kontakt mit anderen Menschen.“ Durch die Gartenarbeit sollen die Patienten wieder lernen, Vertrauen zu anderen Menschen aufzubauen. Im Garten soll etwa eine Kosovo-Albanerin arbeiten, die von Soldaten misshandelt wurde und eines ihrer Kinder im Krieg verlor. „Ihr Herz schlägt höher bei dem Gedanken an einen Garten“, sagt Merkord. Dort könnte sie mit Frauen zusammenkommen, die Ähnliches durchlitten haben.

Drei Jahre soll der Modellversuch zunächst laufen. Die Pachtkosten für das Gelände hat das Bezirksamt Mitte übernommen. Am Freitag wird der Garten von Christina Rau, der Gattin des Bundespräsidenten, eröffnet. Noch vor dem ersten Spatenstich gibt es einige Unterstützer, etwa Toni Hahn, der im Internet auf das Projekt aufmerksam wurde und ehrenamtlich nun helfen möchte – auch im Garten.

Kontakt im Internet:

www.folteropfer.de

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