Berlin : Im Internet kennen gelernt: Berliner tötete Chat-Partner

Jörn Hasselmann

Die beiden Männer kannten sich noch nicht lange. Vor zwei Wochen hatten Joe R. (33) und Ralf M. (41) im Internet erstmals Kontakt – bei einem Chat für Homosexuelle. Zweimal trafen sich der Neuköllner und der Friedenauer zum Sex. Beim dritten Treffen starb Joe R. Am Montag erstach Ralf M. den 33-Jährigen mit einem Schraubendreher. Danach zerlegte er die Leiche. Einen Tag später, am Dienstagabend, stellte sich der Neuköllner bei seinem nur etwa 200 Meter entfernten Polizeiabschnitt und gestand, dass er einen Menschen getötet hat. Die Beamten fanden die zerstückelte Leiche.

Von möglichen „Kannibalismusfantasien“ war gestern im Polizeibericht die Rede. Das hieße, dass der Täter kannibalistische Fantasien sexuell ausleben wollte. Weiteres über das Verbrechen wollte die Polizei nicht mitteilen. Nur soviel: „Der Vergleich zu Rotenburg drängt sich auf“, sagte ein Kriminalbeamter. „Rotenburg“: Das ist seit 2001 das Synonym für Kannibalismus. Damals hatte ein in dem hessischen Ort lebender Mann einen Berliner Ingenieur mit dessen Einwilligung getötet und zum Teil gegessen. Die beiden hatten sich im Internet kennen gelernt. Der 42-Jährige war im Januar dieses Jahres zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt worden – wegen Totschlags, nicht wegen Mordes. Die Staatsanwaltschaft ist dagegen in Revision gegangen, da die Tat als Mord zu werten sei.

Einen entscheidenden Unterschied zwischen dem hessischen Fall und dem von Neukölln gibt es nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen: Das Opfer soll mit seiner Tötung nicht einverstanden gewesen sein. Es sei einvernehmlich zu sadomasochistischen Sexualpraktiken gekommen, hieß es zwar gestern. „Für eine einvernehmliche Tötung gibt es jedoch keinen Anhaltspunkt“, sagte Justizsprecher Thiel. Bei der Mordkommission hieß es, die Frage sei, wann in diesem Fall die Einvernehmlichkeit geendet habe. Ralf M. wurde gestern einem Haftrichter wegen Mordverdachts vorgeführt. Wie es hieß, soll er die Tötung gestanden haben. Eine Videoaufzeichnung der Tötung wie in Rotenburg, die damals als Beleg für das Einvernehmen zwischen Täter und Opfer gedreht wurde, gibt es in Berlin nicht.

Die Mieter in dem 70er-Jahre-Neubau an der Neuköllner Kopfstraße wollten es nicht glauben, dass ihr Nachbar ein Mörder sei. „Dieser nette junge Mann – das muss doch das Opfer sein“, sagte ein Mieter aus dem fünften Stock des Hauses. Doch M. ist der Täter, das Opfer ein Lehrer aus Friedenau. Der Kioskbesitzer von gegenüber sagte, dass Ralf M. sehr zurückhaltend gewesen sei, „absolut unauffällig“. Er sei regelmäßig Zigaretten kaufen gekommen, immer alleine. Seitdem er aus Westdeutschland nach Berlin gekommen ist, sei er arbeitslos gewesen, sagte sein Nachbar im fünften Stock. Er sei viel alleine zu Hause gewesen, umsorgte seine beiden Katzen, eine hatte er erst kürzlich von einer Familie von gegenüber in Pflege genommen.

Die Kripo prüft, mit wem sich M. ansonsten verabredet hatte. Dazu werden die Verbindungsdaten seines Computers überprüft, um zu klären, mit wem er gechattet hat oder ob er sich in Homosexuellen- oder Sadomaso-Kreisen in Berlin bewegte. „Wir stehen erst am Anfang“, sagte ein Ermittler. Bislang waren weder Joe R. noch Ralf M. der Polizei aufgefallen.

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