Berlin : Im Kalten Krieg unter die Räder gekommen

NAME

Es war kein normaler Fahrplanwechsel, den die Reichsbahn am 18. Mai 1952 vornahm. Der Wechsel war ein Abschied. Gleichzeitig stellte die Reichsbahn nämlich auch den Verkehr zum Anhalter Bahnhof ein. Damit verschwand vor 50 Jahren der letzte Kopfbahnhof Berlins aus dem Netz der Bahn.

Fast alle großen Personenbahnhöfe befanden sich entweder – wie der Lehrter oder Anhalter Bahnhof – in West-Berlin, oder sie waren, wie der Stettiner Bahnhof, nur über West-Berlin zu erreichen. Den Betrieb für die gesamte Stadt hatten die Alliierten aber der ostdeutschen Reichsbahn übertragen. Daher hatten ihre Züge direkte Berührung mit dem Bereich des „Klassenfeindes“, auch wenn sie vor allem dem Personenverkehr innerhalb der jungen DDR dienten. Noch im Frühjahr 1950 verkehrten vom Anhalter Bahnhof täglich etwa 15 Zugpaare von und nach neun Zielen in der DDR.

Bereits in den späten 40er Jahren hatte die Reichsbahn mit dem Bau von Umgehungsstrecken begonnen, um die Züge am Westsektor vorbeileiten zu können. So wurden zunächst einzelne Züge vom Stettiner bzw. Anhalter Bahnhof nach Lichtenberg und zum heutigen Ostbahnhof verlegt. Bei der S-Bahn wurden schon 1947/48 rund 18 Kilometer Bahngleise mit Stromschienen ausgestattet, damit dort künftig S-Bahnen fahren konnten. Damit setzte man Planungen aus der Vorkriegszeit um. Weitere Umlandgemeinden drängten ebenfalls auf Verbesserungen. So bot Falkensee Unterstützung durch finanzielle Beteiligung an den Baumaßnahmen an. Um die Elektrifizierung bis Königs Wusterhausen zu beschleunigen, wurden dort ab1948 sogar Spendenmarken verkauft. Zunächst tat sich aber nichts.

In die Wirren der Währungsreform jedoch fiel ein Streik der West-Berliner Eisenbahner. Diese kämpften Mitte 1949 sechs Wochen für ihre Entlohnung in Westgeld und legten so den gesamten Zugverkehr im Westteil völlig still, mit Auswirkungen für die angrenzenden Gebiete. Die Bahnverantwortlichen mussten befürchten, dass sich dieser Störfaktor jederzeit erneut unkontrolliert auf die gesamte Betriebsführung auswirken konnte. Nun erschienen weitere S-Bahn-Ausbauten in einem anderen Licht.

Neben den Erleichterungen für die betroffene Bevölkerung würden sie den östlichen Behörden weit reichende strategische Vorteile bringen. Die Schnittstelle zwischen dem Nahverkehr der Metropole und dem Personenzugverkehr in die Umgebung könnte von Berlin in die Vororte verlegt werden. Der aus Berlin kommende Fahrgast müsste jetzt auf DDR-Gebiet in den Bummelzug umsteigen. Dort ließen sich ohne Behinderung des Bahnbetriebs beliebige Personen- und Gepäckkontrollen organisieren. Und: Die Weiterführung der Dampfzüge aus der DDR zu den West-Berliner Kopfbahnhöfen könnte entfallen.

Es dauerte aber noch bis 1951, ehe die so lange von Dampfzügen befahrenen Streckenabschnitte von Grünau bis Königs Wusterhausen, Spandau nach Falkensee und Staaken sowie Lichterfelde Süd bis Teltow und zwischen Jungfernheide und Spandau über Fürstenbrunn für die S-Bahn in Betrieb genommen werden konnten. Gleichzeitig mit der Inbetriebnahme der Verlängerung nach Königs Wusterhausen wurde am 30. April 1951 als erster Fernbahnhof der Görlitzer Bahnhof in Kreuzberg geschlossen. Von hier fuhren bis zuletzt täglich noch neun Vorortzüge in Richtung Königs Wusterhausen oder Brand (Niederlausitz) ab. Vier Monate später, am 28. August 1951, erwischte es den Lehrter Bahnhof in Tiergarten. Am 18. Mai 1952 schloss, neben dem Anhalter Bahnhof, der Nordbahnhof in Mitte, der nur über den französischen Sektor erreichbar war. Seinen ursprünglichen n Stettiner Bahnhof, den er seit seiner Eröffnung1876 trug, hatte er aus politischen Gründen am 1. Dezember 1950 ablegen müssen.

Was der Krieg von den Bahnhofsgebäuden übrig gelassen hatte, gammelte einige Jahre ungenutzt vor sich hin. Nach dem damaligen übereinstimmenden Empfinden von West-Berliner Politik und Öffentlichkeit waren die Ruinen nicht erhaltenswert. Ihr Abriss vollzog sich in Raten. Der Lehrter Bahnhof verschwand bereits zwischen 1957 und 1959 und der Anhalter in den frühen 60er Jahren. Der Abriss des Görlitzer Bahnhofs zog sich bis 1975 hin.Manuel Jacob

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben