Berlin : Im Kit-Kat-Klub geht’s wieder rund

Das Musical „Cabaret“ kehrt in die Bar jeder Vernunft zurück – mit neun neuen Darstellern

Matthias Jekosch

Der Kussmund ist perfekt gespitzt, der laszive Schlafzimmerblick schweift gekonnt durch den Saal. Die Mädchen des Kit-Kat-Klubs sind auf die Wiederaufnahme des Musicals „Cabaret“ am Freitag gut vorbereitet. Das zeigen ihre Posen für die Pressefotografen.

Denkt man sich jetzt noch die Tische und Stühle dazu, den Rauch und abgedunkeltes Licht, die 212 Leute, die auf die Bühne schauen, dann hat man schon ein ungefähres Bild von der verruchten Clubatmosphäre, die das Ensemble in der Bar jeder Vernunft in der bereits zweiten Wiederaufnahme des Erfolgsmusicals erzeugen will. In der Probeaufführung läuft noch nicht alles rund. „Stop, wir müssen unterbrechen“, ruft Sophie Berner alias Sally Bowles den Musikern zu. Sie hatte vergessen, ihrem Partner ein Glas in die Hand zu drücken. Die anderen Auftritte verlaufen reibungslos. Conférencier Michael Kargus und die Mädchen singen „Money makes the world go round“, die Drehbühne bewegt sie im Kreis und Dramaturg Julian Kamphausen bedankt sich am Ende mit einem „Super“ bei den hinter dem silbernen Lametta-Vorhang verschwundenen Darstellern.

Neun von ihnen sind im Jubiläumsjahr des Musicals neu dabei. Vor 40 Jahren fand in New York die Uraufführung statt. In die Riege der Sally Bowles Darstellerinnen reiht sich Sophie Berner ein, die an dem Internatsmädchen, das sich im Berliner Nachtleben austobt, auch eigene Seiten erkennt: „Ich kann extrovertiert sein, ziehe mich aber auch gerne zurück und fahre in die Natur.“ Im vorigen Jahr hatte die Münchenerin noch den Bundeswettbewerb Gesang in Berlin gewonnen und wurde umgehend für die Rolle engagiert. Die Chance wollte sie sich nicht entgehen lassen, obwohl sie an der Münchener Theaterakademie noch auf ihren Abschluss hinarbeitet: „Ich kann hier sehr viel lernen, vor allem von den älteren Kollegen.“

Regina Lemnitz ist eine von den Erfahrenen. Die 60-Jährige tanzt auf vielen Hochzeiten, ihr Lieblingskind ist das Theater, ihr Gesicht kennen Zuschauer der TV-Serie „Unser Charly“, doch am markantesten ist wohl ihre Stimme: „Wenn ich lache, dann drehen sich die Leute um. Einmal rief eine Frau: Whoopie Goldberg ist da.“ Deren deutsche Stimme wird von der gebürtigen Berlinerin gesprochen. Von ihrer Mutter, Klavierspielerin und Tänzerin in den 20er Jahren, kennt sie das Leben in der Zeit wohl auch am anschaulichsten von allen: „Die Schlager kannte ich alle, bevor ich hier anfing.“ Aber auch die andere Realität der Zeit außerhalb der Clubs ist ihr bewusst. „Cabaret“ thematisiert die knisternde Spannung zwischen bitterer Armut und verschwenderischem Leben in Berlin am Vorabend der Naziherrschaft.

Die beiden Pole elektrisieren auch das Publikum von heute, das für ein ausverkauftes Haus am Freitag und auch für einzelne Tage danach sorgt. Wohl niemand versinnbildlicht den Gegensatz so sehr wie das „wirklich erstaunliche Girl“ Sarah Bowles. Deren reales Vorbild Jean Ross inspirierte schließlich den Schriftsteller Christopher Isherwood Ende der 20er Jahre zu der literarischen Vorlage.

Premiere am 13. Oktober, Spielzeit bis 15. April 2007. Kartenpreise: zwischen 34,50 Euro und 59,50 Euro, Kartentelefon: 883 15 82

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