Berlin : Im Kühllaster eingeschleust Polizei fasst Bande von Menschenhändlern

Etwa 500 Asiaten über die Grenze geholt

Jörn Hasselmann

Die Flüchtlinge steckten überwiegend in Kühllastern. Etwa 500 Asiaten soll eine vietnamesische Bande, die jetzt zerschlagen wurde, nach Berlin und dann überwiegend weiter nach England geschleust haben. 21 Vietnamesen wurden festgenommen, neun von ihnen – die von Berlin aus agierenden Chefs der Bande – sitzen jetzt in Untersuchungshaft. Die anderen sind vermutlich illegal nach Deutschland gebracht worden, sie sollen abgeschoben werden – falls sie kein Asyl beantragen. Bei der Razzia in Wohnungen und Heimen in Berlin und Brandenburg beschlagnahmte die Polizei 53000 Euro und stellte Beweise sicher.

Erste Hinweise auf die Schleuserbande hatte es im Herbst letzten Jahres gegeben, als einige Vietnamesen von der Bundespolizei in einem Kühllaster aufgegriffen wurden. Eine Sonderkommission „Eis“ wurde gegründet, nachdem sich herausgestellt hatte, dass diese Bande professionell agiert. „Wie ein Wirtschaftsunternehmen mit Menschen als Ware“, sagte gestern Chefermittlerin Heike Rudat. Schätzungsweise 500 Asiaten habe die Bande nach Europa geschleust, sagte Rudat. 70 von ihnen konnten in den vergangenen Monaten aufgegriffen werden. Sie alle mussten zwischen 7000 und 26000 Euro zahlen – bekamen dafür aber eine „Garantie“, ins gewünschte Land zu kommen, auch wenn dafür mehrere Versuche nötig waren. Die „Reise“ verlief so: Mit dem Flugzeug ging es zunächst nach Moskau und von dort weiter nach Polen oder Tschechien. Dort wurden die Menschen in Lastwagen gepfercht und nach Berlin gebracht. Bis zur Weiterreise per Lkw nach Frankreich und England wurden sie in Ost-Berliner Plattenbaubezirken untergebracht, wo sie unter den vielen anderen Vietnamesen nicht auffielen, wie es hieß. Oft seien die Asiaten unter Lebensgefahr geschleust worden, sagte Rudat. In einem Fall entdeckten Beamte vier Vietnamesen in einem nur 1,4 Kubikmeter großen Versteck in einem Silolaster für Beton – direkt über der Achse.

Die meisten Asiaten wollten nach England, weil illegale Einwanderer dort die besten Arbeitschancen hätten, hieß es bei der Polizei. Wie viele der etwa 500 Geschleusten in Berlin oder Deutschland geblieben seien, sei unbekannt. „Das ist nur die Spitze des Eisberges“, sagte Rudat. Die für grenzüberschreitende Kriminalität verantwortliche Ursula Falkenstern sagte, dass „nach seriöser Schätzung“ etwa 500000 Menschen pro Jahr nach Deutschland als Transit- oder Zielland geschleust würden. Bundesinnenminister Otto Schily lobte gestern den „großartigen Erfolg“ der Ermittler.

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