Berlin : Im Land des Lächelns

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Von Barbara Junge

Die Tür war noch einen Spalt geöffnet, der dunkle Anzug des Chefs schon nicht mehr zu sehen. Nur die eiligen Schritte von Klaus Wowereit auf dem Weg zum nächsten Termin hallten noch in den Sitzungssaal herein. „So Leute, jetzt die Aschenbecher auf den Tisch“, kumpelte der stellvertretende Bürgermeister Gregor Gysi seine Senatskollegen an, kaum hatte er die politische Regie im Roten Rathaus übernommen. Ressortbedingt rümpfte Gesundheitssenatorin Heidi Knake-Werner die Nase. Doch Gregor Gysi und Kollege Schulsenator, Klaus Böger, steckten sich ihr Rauchwerk an. Und alle ließen die Senatssitzung einen genüsslichen Moment lang Senatssitzung sein.

Wer ist schon die Gesundheitssenatorin? Everybodys Darling hatte die Sympathien mal wieder auf seiner Seite.

Als einziger Berliner Politiker zählt der Wirtschaftssenator – obgleich versunken in den Mühen der lokalen Ebene – nach dem ZDF-Politbarometer zu den 10 wichtigsten Politikern der Republik. Und kürzlich erklärte das Meinungsforschungsinstitut Emnid den PDS-Mann dann auch noch zur Nummer 1 auf der Skala der beliebtesten Berliner Politiker. Das erste Mal, und noch vor dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Wer erwartet hätte, der bekennende Populist stehle sich mit dem Knochenjob in Berlin selbst die Show, wird eines Besseren belehrt. Gysi hat den Job zu seiner Show gemacht – und stiehlt dieselbe zuweilen dem Regierenden Bürgermeister.

Vom „Investorenschreck“ Gysi war da die Rede, als SPD und PDS im Januar beschlossen hatten, einen PDS-Mann und dann auch noch diesen zum Wirtschaftssenator zu wählen. Und heute? „Wir erleben einen Akten schleppenden und sehr an den Sachfragen interessierten Senator“, staunt Nils Busch-Petersen, der Hauptgeschäftsführer des Berliner Einzelhandelsverbandes. Es sei Gregor Gysi „in seiner ihm eigenen eloquenten Art“ gelungen, innerhalb kurzer Zeit in einen sehr ernsthaften Dialog mit der Wirtschaft zu treten. „Natürlich versucht er damit auch, seinen Verein salonfähig zu machen“, schränkt Busch-Petersen sein Loblied ein, „aber wer würde das nicht tun“. Die guten Noten für den Salon-Sozialisten sind dem Kaufmann selbst nicht ganz geheuer, „ich würde bestimmt keinem Gregor-Gysi-Fanclub beitreten“, versichert er. Dennoch, eine ähnliche Resonanz hört man bei der Industrie- und Handelskammer (IHK). IHK-Sprecher Stefan Siebner bescheinigt dem Senator „ein offenes Ohr für die Unternehmer“ und die Bereitschaft zu harter Arbeit. „Gysi sucht das Gespräch“, berichtet Siebner, „geht offen und in der Regel gut vorbereitet auf die Unternehmer der Stadt zu.“

Schwenkte zu Beginn der roten Ära Klaus Wowereit allein den Sektkelch, sind es heute Wowereit und Gysi gemeinsam, die etwa mit Universal-Chef Tim Renner beim nächtlichen Branchentreff „Musiccity Berlin“ posieren. Selbst den Christopher-Street-Day hat Klaus Wowereit nicht mehr für sich allein gepachtet. Während der bekennende homosexuelle Bürgermeister auf die Abschlusskundgebung geladen war, sprach Gregor Gysi die Laudatio für den diesjährigen „Zivilcouragepreis“ im Rahmen des CSD. Internationaler Frauentag? Berlins Wirtschafts- und Frauensenator Gregor Gysi lümmelte nächtens auf einem Bordellsofa. Die Bilder waren diesmal ihm allein gewiss.

Die Kollegen im Senat beobachten mit Interesse das politische Schaulaufen. „Die studieren ihre Umfrageergebnisse beide durchaus intensiv“, berichtet ein Senatsmitglied. „Und frotzeln sich auch schon mal gegenseitig dafür an.“ Ein PDS-Genosse amüsiert sich: „Gregor Gysi will die Umfrageergebnisse schon möglichst früh bekommen.“ „Oh je, Klaus Wowereit und die Bilder ...“, hebt ein Sozialdemokrat an. Wie sensibel der Regierende Bürgermeister das von ihm in der Öffentlichkeit gezeichnete Bild registriert, ist kein Geheimnis. Das Verhältnis von Nummer eins und Nummer zwei indes wird allgemein als recht gut beschrieben. Wowereit könne gut mit Gysi, Gysi gut mit Wowereit („auch wenn Gysi überall der Beste sein will“). Der Berliner Regierung schade es durchaus nicht, wenn zwei Politiker hier und da etwas Glanz verbreiteten, äußert sich ganz entspannt auch mal Klaus Wowereit über das Verhältnis. Die Hauptstadt biete genug Empfänge für sie beide.

Ganz so entspannt wie der Regierende Bürgermeister sehen das Auftrumpfen von Glamour-Gysi indes nicht alle Sozialdemokraten. „Gysi erreicht die Beliebtheit durch seine gesellschaftlichen Auftritte“, formuliert etwa der SPD-Fraktionsvorsitzende Michael Müller den Argwohn. Beliebt sei dabei „nicht der Politiker, sondern der Mensch, der durch die Talkshows zieht“, relativiert Müller, der Wirtschaftspolitiker, die guten Werte für Gysi. Gysi, das ist für ihn ein zweites Joschka-Fischer-Phänomen: „Er hebt sich von der eigenen Partei ab und er sagt, was man von ihm erwartet, auch wenn es mit dem Parteiprogramm oft wenig zu tun hat.“

Ob die eigene Partei Gysi seine Beliebtheit also danken sollte? Man darf zweifeln. Während es mit dem fleißigen Senator dergestalt bergauf geht, gleitet die sozialistische Partei elegant den Hang hinunter. Von den 22,6 Prozent Zustimmung bei den Berliner Wahlen im vergangenen Jahr ist sie in der Wählergunst jetzt auf 16 bis 18 Prozent gesunken. Bundesweit kämpft die PDS gegen die 5-Prozent-Hürde. Manfred Güllner vom Meinungsforschungsinstitut Forsa, der in seiner jüngsten Umfrage Gysis persönliche Werte noch knapp hinter denen von Klaus Wowereit sieht, bezweifelt einen positiven Gysi-Effekt. Die PDS habe im Bundestagswahlkampf vielmehr ein Problem, meint Güllner, weil ihr prominentestes Zugpferd von der bundespolitischen Bühne verschwunden ist. „Als Galionsfigur ist er nicht mehr da“, konstatiert Güllner.

Die Strategen wissen um ihr Problem. „Die PDS ist zu wenig auf der Straße zu sehen“, jammerte der frühere Wahlkampfmanager der PDS, André Brie jüngst im „Stern“. „Gerade eine linke Partei muss sinnlich und präsent sein. Das sind wir derzeit nicht.“ Das einstige Zugpferd Gregor Gysi fehle nach seinem Wechsel in den Berliner Senat im Bundestagswahlkampf . „Es fehlen seine Leichtigkeit, Integrationskraft und Fähigkeit, Medien zu nutzen.“ Stattdessen lese er nur noch seine Akten. „Ein armes Schwein, ja.“

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