Berlin : Im März findet der Auszug statt. Auch der neue Standort wird wieder in Mitte sein

Esther Kogelboom

Mark aus England gibt auf seiner Homepage Berlin-Touristen folgendes mit auf den Weg: "Do not show up before 1:30 in the morning. Do not go to clubs around Kurfuerstendamm. Do not overdress, cool people in Berlin wear dark eye rings." Und unter WMF vermerkt er: "My favourite club indeed." Der Mann steht mit seiner Meinung nicht alleine - die Macher des WMF können inzwischen auf eine fast zehnjährige Erfolgsgeschichte zurückblicken. Gerriet Schultz fläzt sich entsprechend entspannt und ohne Augenringe auf die riesige Sitzlandschaft in der Lounge. Sein Telefon klingelt nicht, sondern vibriert des öfteren - dort, wo sonst Bässe das ganze Gebäude zum Schwingen bringen.

Zusammen mit zwei Partnern, Thomas Prilop und Martin Dobbeck, betreibt er die "tri Veranstaltungs- und Gaststättenbetriebs Gmbh" und damit auch das WMF. Seit zwei Jahren residiert die Club-Familie in den Räumen des ehemaligen Gästehauses des Ministerrates der DDR. Schwartz war mit dabei, als 1990 im Wendetaumel ein paar Künstler und Musiker eine Etage im Ex-Stammhaus der Württembergischen Metallwarenfabrik besetzten. Die DDR-Firmen wurden bald darauf abgewickelt, so dass die Besetzer das komplette Haus mit Ateliers und Räumen vom Keller bis zum Dachboden in Beschlag nehmen konnten. Im Mai 1991 veranstalteten die Besetzer erstmals Hip-Hop- und Raggamuffin-Parties im Tiefgeschoss und konnten schließlich das Haus unter Denkmalschutz stellen lassen. Trotzdem musste das WMF Nummer Eins dicht machen.

"Wir haben Flyer aus den WMF-Prospekten gemacht, die noch im Keller lagerten. Da drohten uns die Erben der Fabrik mit Klage wegen Namensmissbrauch", sagt Gerriet Schultz und stellt seine Afri-Cola auf einem der massiven, dunkelbraunen Holztische ab. Auch Finanz- und Gewerbeaufsichtsamt standen vor der Tür, die die Clubbetreiber in den Untergrund zwangen. Genauer gesagt, in eine unterirdische Toilettenanlage auf dem Mauerstreifen, ungefähr dort, wo heute die Info-Box steht. "Die Polizei hat uns gesucht, aber nicht gefunden. Über dem Eingang standen Reichsbahn-Container, einer davon war unten aufgeschnitten." Der Club trug zwar noch immer den Namen WMF, aber geschickt codiert als Taubstummen-Handzeichen. Nach einem Jahr mussten die Betreiber aufgrund von Streitigkeiten mit dem Platzwart ausziehen. "1994 haben wir schließlich beschlossen, die Sache mit der GmbH professionell aufzuziehen und an den Hackeschen Markt zu ziehen." WMF Nummer Drei prägte der Charme des Palastes der Republik: Künstler kamen, packten Honeckers Hausbar und diversen anderen "Schnickschnack" wie Monitore aus der Stasi-Überwachungszentrale ein und bauten den Palast-Schick im Club wieder auf. Ein ebenso schlichter wie genialer Coup, mit dem das WMF massenweise Dekorateure, Innenausstatter und Wohngemeinschaften zur über Nacht modern gewordenen Staatssicherheitsästhetik inspirierte. Mit der Legalität kam auch die "Umstellung des musikalischen Programms". Trip Hop, Drum and Bass und House, aufgelegt von den Residents Kid Paul, Mitja Prinz und Dixon, bestimmten das neue Ambiente. Ende 1996 erledigte die Abrissbirne den Rest. Doch der Club konnte abermals aus Ruinen auferstehen, diesmal im Johannishof: WMF, die Vierte.

"Clubkultur heißt für uns zuallererst Vielseitigkeit. Wir treten aus dem elitären Gruppendenken heraus, indem wir eine Plattform für alle erdenklichen Strömungen sind", erklärt Schwartz sein Erfolgsrezept. Vor ein paar Wochen eröffnete die WMF-Familie die Ausstellung "Children of Berlin" mit einer Party im obersten Stockwerk des World Trade Centers. "Im Vergleich zu uns verarmt die Clubkultur in New York immer mehr", beklagt Schwartz. "In Berlin gibt es mehr Möglichkeiten." Szenen von der Bar überträgt das WMF per Internet mittlerweile in alle Welt. "In Zukunft wird die Trennung zwischen Live Act und DJ sich mittels digitaler Technik aufheben. Wir werden verstärkt mit Sounds aus dem Netz arbeiten."

Das wird allerdings erst im WMF Nummer Fünf passieren. Die Karawane muss weiterziehen an einen Ort, der nicht verraten wird, sich aber in Mitte befindet. In den Johannishof soll ein Ableger eines Londoner Medien-Centers einziehen: Die Fundus-Gruppe, die das gesamte Gelände bis einschließlich Tacheles verwaltet, kündigte den Zwischennutzungsvertrag. Den Sommer über muss sich die WMF-Gemeinde mit der Compilation begnügen, die das Plattenlabel WMF records als Trostpflästerchen im kommenden Frühjahr herausbringen wird. Im März soll der Auszug über die Bühne gehen. "Wir können auch in einer Ruine unseren Club aufbauen." Etwas anderes hat auch niemand erwartet.Silvester hat das WMF ab 1 Uhr geöffnet. Karten sind noch zum Preis von 45 Mark unter www.wmf-club.de zu haben.

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