Im Museum Anklam wurde ein Fotorätsel gelöst : Lilienthals Flug-Montage

Berlins Flugpionier Otto Lilienthal schwebt über Wasser, dahinter die Kulisse von … Spandau? Das Foto muss ein Fake sein, sagen die Archivare.

Martina Rathke, dpa
Das Foto aus dem 19. Jahrhundert zeigt den Flugpionier Lilienthal im Flug mit Flugapparat „Modell 93“ über einem Kirchturm von Spandau – es müsste die St.-Nikolai-Kirche sein.
Das Foto aus dem 19. Jahrhundert zeigt den Flugpionier Lilienthal im Flug mit Flugapparat „Modell 93“ über einem Kirchturm...Foto: Stefan Sauer/ dpa

Der Flugpionier Otto Lilienthal schwebt mit seinem Hängegleiter über einer Stadt mit Kirchturm und Häusern, im Vordergrund des Bildes eine idyllische Wasserfläche. Das Foto, das von 1894 stammen soll, lässt ein weiteres verwegenes Abenteuer Lilienthals vermuten, der zwei Jahre später an den Folgen eines Flugunfalls starb. Doch die Aufnahme ist nach Angaben eines Experten ein Fake, eine Montage: Sie zeige zwar Lilienthal bei einem seiner Flugversuche – allerdings nicht über der Stadt, die sich unter seinen Füßen ausbreite.

Mitarbeiter des Otto-Lilienthal-Museums in Anklam in Mecklenburg-Vorpommern haben jetzt das Rätsel um dieses ungewöhnliche Bild gelöst, das zusammen mit dem fotografischen Nachlass bereits seit 1999 im Museum verwahrt wird. „Die Skyline gehört zu Spandau, einer damals noch eigenständigen Stadt vor den Toren Berlins“, sagt Museumsdirektor Bernd Lukasch. Anhand von aktuellen Bildern und einem Besuch hat er den Standort identifiziert.

Das Originalbild entstand bei Stölln

Ein genauer Blick auf das Bild zeige, dass sich der Hintergrund um den fliegenden Lilienthal heller vom Himmel abhebe. Lukasch vermutet: Der Fotograf hat auf den großformatigen Kollodium-Papierabzug mit der Skyline Spandaus ein zweites Glasnegativ gelegt und – wie damals üblich – in der Sonne belichtet. Das Originalbild vom fliegenden Lilienthal entstand am Hauptmannsberg bei Stölln – seinem favorisierten Flugplatz. Es wurde 1893 vom Lilienthal-Fotografen  Alex Krajewsky gemacht, und dieser hatte – so fügt sich die Geschichte eventuell zusammen – sein Atelier in Spandau.

Die Geschichte des Flughafens Tegel in Bildern
Sieht man ja auch nicht alle Tage aus dieser Perspektive: den Flughafen in Berlin-Tegel. Rechts das Terminal mit den zwei Pisten davor. Oben im Bild Flughafensee (rechts, der kleine) und der Tegeler See. Unten die Kleinanlagen zwischen Piste und Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal.Weitere Bilder anzeigen
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02.02.2017 09:45Sieht man ja auch nicht alle Tage aus dieser Perspektive: den Flughafen in Berlin-Tegel. Rechts das Terminal mit den zwei Pisten...

Der englische Luftfahrt-Historiker Charles Gibbs-Smith bezeichnet Lilienthal als den vielleicht ersten „Medien-Star“. Die fotografische Dokumentation der Flüge sei ihm fast ebenso wichtig gewesen wie seine Flugversuche selbst. Vielfach lud der Pilot Fotografen zu seinen Experimenten ein, um seine Flugapparate wie auch die Flüge dokumentieren zu lassen. „In Berlin kamen damals zwei innovative Entwicklungen zusammen: die Erfindung der Momentfotografie und die Flugversuche von Lilienthal“, sagt Museumschef Lukasch. Eine glückliche Fügung, die dazu führte, dass es von Lilienthals Flugversuchen vor 120 Jahren noch heute vergleichsweise viele Aufnahmen gibt.

Lilienthal war kein Hochstapler

Lilienthal war also sicher nicht kamerascheu. Doch der Experte Lukasch glaubt nicht, dass der Hängegleiter-Pilot die Aufnahme mit der Spandau-Skyline zu PR-Zwecken anfertigen ließ und führt dafür zwei Gründe an: „Das spektakulär anmutende Foto wurde nie veröffentlicht. Es ist einmalig nur im Lilienthal-Nachlass zu finden.“ Zudem sei der Ingenieur Lilienthal kein Hochstapler gewesen - zu sehr war er Techniker und trotz seiner waghalsigen Flugexperimente auf Seriosität bedacht.

Mit der Straßenbahn nach Spandau: Und sie fährt doch!
Und sie fährt doch nach Spandau: Diese alte Straßenbahn steht im Depot für Kommunalverkehr am Monumentenplatz in Schöneberg.Weitere Bilder anzeigen
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06.10.2016 07:51Und sie fährt doch nach Spandau: Diese alte Straßenbahn steht im Depot für Kommunalverkehr am Monumentenplatz in Schöneberg.

In einem Vortrag im Jahr 1894 vor der Polytechnischen Gesellschaft in Berlin versuchte Lilienthal, die Begeisterung an seinen Flügen zu dämpfen: „Zum Schluss möchte ich Sie noch bitten, das von mir Erreichte nicht für mehr zu halten, als es an und für sich ist. Auf den Photographien, wo Sie mich hoch in der Luft dahinfliegen sehen, macht es den Eindruck, als wäre das Problem schon gelöst. Das ist durchaus nicht der Fall.“ Vielmehr – so Lilienthal weiter – sei das bisher Erreichte für den Flug der Menschen nichts anderes als die ersten unsicheren Kinderschritte für den Gang des Mannes.

Lukasch geht deshalb eher davon aus, dass es sich bei dem Bild vom fliegenden Lilienthal über Spandau um ein originelles Scherzgeschenk des Fotografen an den Flugpionier handelt – möglicherweise zum Geburtstag.

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