Berlin : Im Namen der Streithähne

Karsten-Michael Ortloff ist Deutschlands einziger hauptberuflicher Schlichter bei Gericht. Heute ist sein erster Arbeitstag

Katja Füchsel

Es ist, wie es sein muss am allerersten Tag: Die Bücher stehen noch auf dem Boden, die Ölbilder lehnen an der Wand und auf dem Schreibtisch neben dem Telefon liegt eine einsame Akte. Es ist seine allererste Sache. Die Verhandlungen im Olympiastadion-Fall sind festgefahren, jetzt soll Karsten-Michael Ortloff ran. „Ich will helfen, dass die Parteien miteinander reden“, sagt Ortloff.

In seinem früheren Leben war Ortloff Vorsitzender Richter am Verwaltungsgericht, ab heute ist der 61-Jährige der hauptberufliche Vermittler im Hause. Justizsenatorin Karin Schubert (SPD) hat Ortloff freigestellt, damit er sich ausschließlich der Mediation widmen kann. Wie in Sachen Olympiastadion: Anwohner des Corbusier-Hauses, das nur wenige hundert Meter vom Stadion liegt, klagen gegen die Baugenehmigung des Landes Berlin – seit Sommer 2000. Sie wollen verhindern, dass es dort außer den Fußballspielen von Hertha BSC und dem Leichtathletiksportfest Istaf weitere Veranstaltungen gibt, zum Beispiel Konzerte der Rolling Stones. Wie kann ein Richter da helfen? „Die Mediation ist vertraulich“, sagt Ortloff knapp.

Der Jurist ist der einzige hauptberufliche Gerichtsmediator Deutschlands – und alles andere als unumstritten. Die Vorbehalte gerade unter den Kollegen sind beträchtlich. Viele halten die Mediation für nichts als alten Wein in neuen Schläuchen, da auch im regulären Verfahren Vergleichsgespräche an der Tagesordnung sind. Aber Ortloff bleibt dabei. „Bei der Mediation verhalten sich die Leute anders als vorm Richter, sie sind offener und kreativer.“

Ortloffs Großvater war schon Richter, auch sein Vater, und vielleicht musste Ortloff junior deshalb über seinen Berufswunsch nicht lange nachdenken. Er studierte Jura an der Freien Universität und wurde Richter. Viele seiner Verfahren schafften es seither in die Schlagzeilen. Beispielsweise, als es um den neuen Center Court beim Tennisclub Rot-Weiß ging oder die Bebauung auf dem Teufelsberg. Ortloff saß auch auf der Richterbank, als vor zwanzig Jahren der 23-jährige Türke Kemal Altun aus dem sechsten Stock des Verwaltungsgerichts an der Hardenbergstraße sprang. „Eine schlimme Erfahrung“, sagt Ortloff. Altun war der erste politische Flüchtling, der sich aus Angst vor Auslieferung das Leben nahm. Ein Gedanke hat den Juristen danach lange beschäftigt: „In zwei Verhandlungstagen hatten wir es nicht geschafft, Vertrauen aufzubauen.“

Die Wahrscheinlichkeit, dass Ortloff in seinem neuen Job nicht genug zu tun bekommen könnte, tendiert gegen Null. Denn immer mehr Menschen ziehen mit ihren Streitigkeiten vor Gericht. Pro Kopf klagen die Berliner sogar noch deutlich mehr als der Bundesdurchschnitt. Über 20 000 Verfahren sind derzeit beim Berliner Verwaltungsgericht anhängig, durchschnittliche Dauer: 20 Monate. Da ist jede Entlastung willkommen. „Insbesondere bei langen und festgefahrenen Prozessen hilft Mediation, den Streit für alle Beteiligten befriedigend und dauerhaft zu lösen“, sagt Senatorin Schubert.

Und Ortloff, dem auch schon als Vorsitzendem gütliche Einigungen die liebsten waren, steht ab sofort am Verwaltungsgericht als Hilfe bereit. Kommen die streitenden Parteien im Saal nicht weiter, können sie gemeinsam mit dem Mediator nach Lösungen suchen. Scheitert der Versuch, geht es zurück in den Gerichtssaal. Der Modellversuch in den vergangenen drei Jahren hat laut Ortloff gezeigt, dass die Klage häufig nur vordergründig das Problem darstellt: „Gerade bei Nachbarschaftsstreitigkeiten geht es meist um etwas ganz anderes.“

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