Berlin : Im Namen der Toleranz: Deutsch-Türkische Europaschule wird nach Aziz Nesin benannt

Susanne Vieth-Entus

Ob Alexander Puschkin, Mahatma Gandhi, Marco Polo, Paavo Nurmi, Martin Luther King oder Marc Chagall - es sind nicht wenige Berühmtheiten aus aller Welt, die den Weg ins Berliner Schulverzeichnis fanden. Jetzt kommt erstmals auch ein türkischer Name hinzu: Die Deutsch-Türkische Europaschule in Kreuzberg benennt sich nach dem 1995 verstorbenen Schriftsteller und Bürgerrechtler Aziz Nesin.

"Es war eine heiße Diskussion", fasst Gesamtelternvertreter Achmed Ilan die harschen Auseinandersetzungen der vergangenen Jahre zusammen. Ein Teil der konservativ-moslemischen Eltern habe nicht hinnehmen wollen, dass ein eher atheistischer und linker Namenspatron gewählt werden sollte. Der Ton dieser Kritiker sei mitunter "aggressiv, verletzend und beleidigend" gewesen. Dann aber stimmte die Schulkonferenz mit großer Mehrheit für Nesin, und das Landesschulamt bestätigte diese Entscheidung im Oktober. Seitdem sei es ruhiger geworden, sagt Ilan. Er findet, dass Nesins Name, der für Toleranz und Demokratie stehe, der "Seele der Schule" entspreche.

Viele Bezeichnungen seien vorgeschlagen worden, darunter "Atatürk-" und "Orient-Schule", erinnert Schulleiterin Christel Kottmann-Mentz. Für manche Eltern sei Nesin tatsächlich "schwierig zu akzeptieren". Sie will nun das Augenmerk darauf lenken, dass Aziz Nesin viel mehr war als nur ein "Atheist". Eben einer der beliebtesten türkischen Schriftsteller, Menschenrechtler, engagierter Pädagoge, der sich nachhaltig für die Ausbildung von sozial benachteiligten Kindern einsetzte.

Özcan Mutlu, schulpolitischer Sprecher der Bündnisgrünen und Mitinitiator der 1996 gegründeten Deutsch-Türkischen Europaschule, vermutet, dass es in ganz Europa keine andere Schule gibt, die einen türkischen Namen trägt - natürlich abgesehen vom europäischen Teil der Türkei. Dass der Namensgeber dazu noch "ein Kämpfer für die antiautoritäre Erziehung in der Türkei" war und bis heute durch seine Bücher und seine Stiftung im türkischen Bewusstsein "lebendig ist", freut ihn ganz besonders.

Über vier Jahre nach Gründung der Schule spricht die deutsche Gesamtelternvertreterin Anna Weber von "sehr guten Erfahrungen", die ihre Familie mit dem Konzept der Europaschule gemacht habe. Die Kinder lernten beide Sprachen "sehr systematisch" und mit "viel Begeisterung". Ihr neunjähriger Sohn fange bereits "richtig an Türkisch zu sprechen", gehe bei türkischen Freunden ein und aus. Während der Sommerferien habe er sogar zwei Wochen mit der Familie eines Klassenkameraden in dessen Heimat verbracht. Über die Namensgebung, die im Januar mit einem Festakt im Beisein von Nesins Sohn vollzogen wird, ist sie "sehr froh".

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