Berlin : Im Norden wird aus Rückzug Flucht

Richard Lakowski

„Noch nicht einmal 1918“ habe er solche Bilder gesehen, schimpfte der Oberbefehlshaber der 3. Panzerarmee, General von Manteuffel. In einer Notiz zu einem Telefonat vom 27. April 1945 hieß es weiter: „Es muss gehandelt werden von der politischen Führung, die Soldaten haben bereits gesprochen… Es müssen wieder die tapfersten Soldaten sich für die Sache totschlagen lassen, und das ganze Gesockse läuft nach Westen weg.“ Die 3. Panzerarmee hatte Ende März Hinterpommern aufgeben müssen. Nun sollte sie den Nordabschnitt der Oder von Schwedt bis zur Flussmündung gegen die 2. Weißrussische Front halten.

Geführt von Marschall Rokossowski, war diese in Westpreußen und im Danziger Raum nicht schnell genug vorgerückt. Daher legte sie den Beginn ihrer Offensive auf den 20. April. Rokossowski musste auf das Westufer der Oder übersetzen, die deutsche Verteidigung zwischen Schwedt und Stettin durchbrechen und die 3. Panzerarmee zur Ostsee abdrängen und zerschlagen.

Umgekehrt sollte die 3. Panzerarmee den Oderübergang verhindern. Eine Aufgabe, der sie bei weitem nicht gewachsen war. Gegen ihre 105 000 Mann mit 240 Panzern und Sturmgeschützen traten rund 450 000 sowjetische Soldaten mit 951 Panzern und Selbstfahrlafetten an. So gelang es Rokossowski trotz anfänglicher Probleme südlich Stettins, einen Brückenkopf auf dem Westufer des westlichen Oderarmes zu bilden. Nach weniger als einer Woche brachte er die Front der 3. Panzerarmee ins Wanken.

Die Ergebnisse des ersten Abwehrtages hatten das Wunschdenken der Führung in Berlin beflügelt. Schon am 21. April übermittelte der Generalstab an Manteuffel einen „grundlegenden Führerbefehl“. Demnach hatte die Armee nach Zerschlagung auch der „letzten Brückenköpfe des Feindes“, Kräfte für einen Angriff nach Süden, in die Flanke der Truppen Shukows, freizumachen.

Die Realität war völlig anders. Am 25. April begann die deutsche Abwehrfront zu bröckeln. Sie konnte den sowjetischen Durchbruch vom 26. April nicht verhindern. Stettin musste aufgegeben werden, und durch eine Bresche bei Prenzlau drangen die Kräfte der 2. Weißrussischen Front tief in Mecklenburg ein.

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