Berlin : Im Oldtimer wird jeder Fahrer zum umjubelten Star

Bei den „2000 km von Deutschland“ besuchen 200 PS-Veteranen Berlin

Andreas Conrad

Die Juli-Hitze war kaum auszuhalten, zumal zu zweit in dem engen Bugatti mit der brettharten Federung. Auch die Sicht wurde immer schlechter: „Durch die oberen Haubenschlitze schlug ein feiner Rizinusöldunst an die kleinen Windschutzscheiben und verschmierte diese. Wir mussten sie herunterklappen. Aber in kurzer Zeit waren auch unsere Brillen verklebt, und wir rasten mit zusammengekniffenen Augen weiter.“ Nein, die Fahrt, die Kurt Kiefer mit Beifahrer Hans Merck 1934 bei den „2000 km durch Deutschland“ in einem Bugatti 35 B unternahm, stand unter keinem guten Stern. Anfangs lagen sie ganz gut im Rennen, doch auf der Nachtfahrt nach Berlin verließ sie ihr Glück. Wegen eines schweren Gewitters mussten sie ihr Tempo drosseln, bei Magdeburg platzte ein Reifen, und auf der kurvenreichen Strecke durch den Harz war endgültig Schluss. Der Zustand der Reifen war mittlerweile lebensgefährlich. Kiefer musste einsehen, dass vielleicht er selbst der pausenlosen Raserei über gut 27 Stunden gewachsen gewesen wäre, sein Bugatti aber war es nicht.

Fast 70 Jahre später liegt wieder Juli-Hitze über dem Land, und seit dem Wochenende rollt erneut die Blechkarawane der „2000 km von Deutschland“ über die Straßen, gestern die von Luxembourg. Doch lange vorbei sind die Zeiten, als die Distanz mit Vollgas in einem Rutsch durchgefahren wurde, allein unterbrochen durch unvermeidliche Tankstopps und Reifenwechsel. Nur gut 200 Kilometer sind beispielsweise am Donnerstag zurückzulegen, wenn die Streckenführung – insgesamt mit einer Distanz von 2518 Kilometern – die Fahrer über Wittenberg, Jüterbog, Luckenwalde und Ludwigsfelde bis nach Berlin, ins Oldtimer-Zentrum „Meilenwerk“ in Moabit, führt.

Die alten „2000 km“ gab es nur zwei Mal, 1933 und 1934, veranstaltet durch den Automobilclub von Deutschland. Die neue Rallye, bei der es nicht um Tempo, sondern um Zuverlässigkeit und Kontinuität geht, wird seit 1989 alljährlich durch den Oldtimer-Enthusiasten Günter Krön veranstaltet, mit unterschiedlicher Streckenführung. Schon 1992 ging die Route durch Berlin, damals noch durchs Brandenburger Tor. Im letzten Jahr wurde die Hauptstadt ausgespart.

Doch durch welche Städte und Dörfer die mindestens 30 Jahre alten Wagen auch rollen, die Bilder gleichen sich und belegen besser als alles andere, welcher zunehmenden Popularität sich alte Automobile erfreuen. Eine Welle der Sympathie trägt die Wagen und ihre Fahrer über die Landstraßen. Menschen winken, die örtlichen Tourismusvereine verteilen Prospekte und Schmalzstullen, kleine Mädchen erbitten Autogramme, und an den Kontrollpunkten stehen Hunderte, die applaudieren und „Hupen, hupen!“ rufen. Ist das Auto nur alt genug, wird jeder Fahrer zum Star. Auch die Automobilkonzerne wissen diesen Enthusiasmus zu schätzen und nutzen die „2000 km“ gern, um sich als Traditionsunternehmen zu empfehlen, sei es, dass sie wie im Vorjahr an den legendären BMW 2002 und das Jubiläum „50 Jahre Corvette“ erinnern oder wie in diesem Sommer, zum Produktionsstopp für den Käfer, zehn dieser Veteranen ins Rennen schicken.

200 Teilnehmer sind am Samstag in Mönchengladbach an den Start gegangen, darunter 15 Zweiräder, die in den Dreißigern noch dominierten. Das älteste Auto ist ein Benz 8, Baujahr 1912, mit 20 PS, die immerhin eine Höchstgeschwindigkeit von 62 km/h erlauben. Aus Berlin kommen vier Teams, ein Mercedes-Benz 220 Cabriolet A von 1955, ein Porsche 912 Coupé von 1965, ein Glas 1700 GT Cabriolet von 1966 sowie ein Invicta 4,5 litre von 1928, gesteuert von Heidi Hetzer.

Im „Meilenwerk“ werden die Wagen an diesem Donnerstag ab 13.30 Uhr ankommen, danach kann man die Wagen dort hinreichend bestaunen. Ab 19 Uhr geht es zu einer Nachtfahrt nach Potsdam und zurück, via Hackescher Markt, Rotes Rathaus, Unter den Linden, Avus und Glienicker Brücke. An dieser Etappe können in begrenztem Umfang auch weitere Oldtimer-Freunde teilnehmen, gegen 35 Euro (Anmeldung ab 17 Uhr im „Meilenwerk“). Am Freitagmorgen geht es für die Teilnehmer weiter Richtung Bad Wildungen, mit Potsdam, Werder und Brandenburg als ersten Kontrollpunkten. Winken nicht vergessen!

Meilenwerk, Wiebe- Ecke Sickingenstraße in Moabit, 24. Juli, ab 13.30 Uhr

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