Berlin : Im Orgelland

Ein Kantor beschert Berlin das erste internationale Musikertreffen in der Wilmersdorfer Auenkirche

Joscha Schaback

Bis auf den Vorplatz dringt die Klaviermusik an der Wilmersdorfer Auenkirche. Es ist Jörg Strodthoff, der da übt. „Wenn ich nicht jeden Tag meine Dreiviertelstunde Klaviertechnik bimsen würde“, sagt der Kantor, „könnte ich die großen, romantischen Werke für Orgel gar nicht spielen.“ Ein Orgelabend mache genauso viel Arbeit wie etwa ein Klavierabend in der Philharmonie.

Zu seinem Leidwesen wird Orgelmusik nicht nur musikalisch unterschätzt, sondern auch in Sachen Sponsoring kaum wahrgenommen. 13 Jahre lang unternahm er nur selten erfolgreiche Bittgänge für die Orgel und für Kirchenkonzerte in seinem Gotteshaus. In diesem Jahr aber ist ein doppelter Coup gelungen: Der entscheidende Ausbau der Orgel und der erste Berliner internationale Orgelherbst konnten finanziert werden.

Unermüdlich hat Strodthoff für sein Instrument die Pfennige und Cents aus der Orgelpfeifen-Spendenbüchse im Eingang des neugotischen Gotteshauses gekratzt. So manchen Wilmersdorfer bekniete er um eine Gabe. Mit Hilfe des Hauptstadtkulturfonds konnte er schließlich die Orgel zu einem musikalischen Unikum aufstocken: Die alten Pfeifen von 1890 und 1920 sind erhalten geblieben und durch moderne ergänzt worden. Jetzt sind auch moderne Sounds zu hören. Gleichzeit mischen sich die Töne hervorragend, was auch damit zu tun hat, dass Orgelbauer Dieter Noeske seit vierzig Jahren das Instrument betreut. Neben der technischen Aufrüstung hat die Orgel auch ein komplettes Röhrenglockenspiel bekommen. „Wann verstehen die Leute endlich“, fragt der Kantor, „dass die Orgel nicht nur ein Begleitinstrument für die Messe, sondern ein fantastisches symphonisches Klangereignis ist?“

Eben darum soll es beim Orgelherbst gehen. Strodthoff hat den Ehrgeiz, die schmucke Kirche zu einem Konzertsaal zu machen. Die Bedingungen sind gut, bietet doch die Kirche optimale Orgelakustik. Kein Wunder, dass der SFB hier regelmäßig Mitschnitte macht und auch den kompletten Orgelherbst aufzeichnen wird. Auch die von Strodthoff eingeladenen internationalen Interpreten haben einen ausgezeichneten Ruf. Strodthoffs Programm-Idee für das Festival ist, dass jeder Organist mindestens ein Stück aus seinem Mutterland spielt und sowohl alte wie neue Musik zum Klingen bringt.

So ist im Eröffnungskonzert Jane Parker-Smith mit einem Programm von Bach bis Berveiller und mit Orgelkompositionen von York Browne zu hören.

Am 2. November spielt Jean Guilloun neben Werken von Liszt und Franck auch das vom ihm selbst geschriebene „Alice im Orgelland“ – eine an Disney angelehnte musikalische Reise in die Große Orgel der Auenkirche. Strodthoff selbst beschließt das Festival am 30. November zusammen mit der Sopranistin Beate Gracher mit Werken von Georg Schumann und Sigfrid Karg-Elert, dessen Fis-Moll Symphonie ein Geheimtipp für ausgebuffte Jazzfans ist.

Strodthoff plant, den Orgelherbst zu einer alljährlichen Institution zu machen.

Internationaler Orgelherbst Berlin. Vom 26. Oktober bis 30. November. Auenkirche, Wilhelmsaue 118a. Weitere Informationen unter www.orgelherbst-berlin.de . Die Konzerte beginnen um 20 Uhr. Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei, eine Spende erbeten.

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