Berlin : Im Park mit dem Meister Der perfekte Tag für Gestresste Folge5

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Christian van Lessen

DER PERFEKTE TAG

Hört sich einfach an: Beine leicht spreizen, den Körper etwas nach hinten biegen. „Als ob man sich auf einen Barhocker setzt“, sagt Lehrer Klaus Zarn. Er empfiehlt, tief in den Bauch zu atmen, der als Hauptenergiezentrum gilt. Dann die Augen schließen, ans Atmen denken, sich vorstellen, dass die ausgeatmete Luft in den Boden gleitet. Die Arme im Halbkreis vor den Bauch halten, als greife man einen Ball. Arme heben, Arme senken. Die erste Lockerungsübung heißt: „Stehen wie eine Säule“, auch „der stehende Baum“.

Wir beginnen mit Tai Chi, geschrieben auch Tai Ji, auf der Wiese vor dem Teehaus im Englischen Garten. Üben uns in chinesischer Bewegungskunst, die trotz ihrer 1500 Jahre voll im Trend liegt. Zum morgendlichen Zwei-Stunden-Treff kommen Zarn und seine Schüler aller Altersgruppen regelmäßig zusammen. Auch Zarn, der doch eine Art Guru sein müsste, fühlt sich nach 20 Jahren Erfahrung noch immer als Lernender, weil Tai Chi stets neue Geheimnisse offenbart.

Anfänger müssen nichts befürchten. Sie sollten vor allem locker sein und munter die erste Vorab-Übung mitmachen: einfach zehn Minuten stehen, Augen schließen, versuchen, die gewohnte Welt hinter sich zu lassen. „Ankommen“, heißt das. Nur stehen, die Augen zu schließen und aufs Ein- und Ausatmen zu achten, erfordert für Anfänger Konzentration, vor allem wenn Spaziergänger vorbeikommen und Witze reißen. Zarn beruhigt später: Allein das Denken an die vorbeikommenden Leute sei schon eine Form von Entspannung, ein erster Schritt gegen den Stress. Wer mit Tai Chi beginne, solle nicht die gewünschte Entspannung herbeifordern, sondern Geduld und vor allem Spaß haben. Es kann vier bis sechs Wochen dauern, bis man die Feinheiten kennt. Qigong heißen die ersten Lockerungsübungen, bis es an die langsamen, fließend-rhythmischen Bewegungen geht, die berühmten Bewegungsbilder. Sie wirken stabilisierend für die Wirbelsäule und lassen die Lebenskraft (Qi) durch die Energiebahnen (Meridiane) des Körpers strömen. Wer dieses Strömen spürt, will mit Tai Chi gar nicht mehr aufhören.

Wie Bogenschützen stehen die Teilnehmer der Gruppe da, und ich als Anfänger merke, dass ich anfangs zu ungelenk bin, um Daumen und Finger richtig zu spreizen. Aber beim Mitmachen fallen die Fehler, die man macht, nur dem Lehrer auf, die anderen sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt. So muss es auch sein. Dann soll der Kopf langsam nach rechts gedreht werden, die alten Chinesen nannten die Bewegung: „Voller Verachtung hinter sich schauen“ oder „Fünf Betrübnisse und über sieben Kümmernisse hinter sich lassen“. Mit Tai Chi lassen sich eben die Sorgenfalten der Seele glätten und Kümmernisse des Körpers heilen. Die langsamen Bewegungen beanspruchen zwar gleichmäßig Muskeln, Sehnen, Bänder, Gelenke und Knochen, aber sie überfordern den Körper nicht.

Tai-Chi-Anhänger sagen, sie könnten Stress besser bewältigen, die fließenden Bewegungen förderten ihre Gesundheit. Der Stoffwechsel werde angeregt, hoher Blutdruck sinke. Auch gegen Osteoporose soll Tai Chi helfen. Und nicht zuletzt gegen böse Angreifer als Mittel der Selbstverteidigung. Dabei gilt das Prinzip des Nachgebens. Aber das zu lernen, hört sich schon schwieriger an.

Lust, am Sonntag, 27. Juli, ab 10.30 Uhr im Tiergarten Tai Chi zu lernen? Dann kommen Sie einfach zur Wiese zwischen kleinem See und Teehaus im Englischen Garten (Anfahrtsskizze siehe unten). Klaus Zarn vom Gesundheitssportzentrum Shogun und seine Trainer erwarten Sie. Teilnahmegebühr: 5 Euro

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