Berlin : Im Rausch der Rüschen

Barbara Junge

Rudolf Stelzigs Faible für Rüschen verdankt er Casanova. Aber nach Vielweiberei sieht Rudolf eigentlich nicht aus. Der feingliedrige Kinderarzt trägt nicht mehr viel Haar und die graue Cordhose passt ebenso zum bürgerlichen Ambiente seiner Altbauwohnung in Charlottenburg wie die schmalrandige Lesebrille. Doch Rudolf Stelzig lebt noch ein zweites Leben.

Karneval in Venedig. Jedes Jahr im Herbst sind Rudolf (63 Jahre) und Elisabeth Stelzig (57 Jahre) nach Venedig gefahren, wie es so viele tun. Wie ein Nachklang der eigenen Hochzeitsreise. Und da waren immer diese Bilder vom Karneval, auf Postkarten strahlten die Kostümierten in die Kamera. Der Arlecchino, der Pulcinella, auch bunte Phantasiekleider, grelle Masken und romantische Damenkleider vom Hof Ludwig des Vierzehnten. "Am Anfang haben mir die Kostüme so gut gefallen", sagt Elisabeth, "diese schönen Kostüme vor der Kulisse Venedigs." Auf diese Weise wollten sie Venedig noch einmal neu kennen lernen. "Dabei wollte ich eigentlich gar keine Kleider tragen. Die Weibchenrolle war nichts für mich". Aber ein Reiz muss da doch gewesen sein.

1985 war die erste vollständige Ausgabe der Casanova-Memoiren in deutscher Sprache erschienen. Rudolf kaufte sie sich sofort, ist zu Lesungen marschiert, hat sich in die höfische Welt des 18. Jahrhunderts versenkt. Er schwelgt heute noch, wenn er von der "Dekadenz des Rokoko" erzählt, "die hatte es mir angetan". Die Memoiren Casanovas seien nicht nur Bettgeschichten. Vielmehr ein Spiegel des 18. Jahrhunderts an den Höfen Europas. "Das Leben in Venedig, wie viele Gondeln es gab, wie viele Tausend Kurtisanen!" Ganze Sätze spricht Rudolf Stelzig nicht aus. Wie soll man auch formulieren, dass man am liebsten selbst in das Leben am Hofe geschlüpft wäre?

Die ersten Kostüme sind in den Fotoalben im Wohnzimmer der Stelzigs zu besichtigen: Aus einem gemusterten Bettüberwurf geschneidert, mit braunem Samt. Ein Knappenanzug für sie ("ich wollte nie ein Kleid") und ein Herrenrock für ihn. "Damals hatte ich noch den Vollbart aus der Kinderladenzeit", belustigt sich Rudolf heute. Mit dem VW-Bus waren die beiden nach Venedig gefahren, haben in dem Wagen auch übernachtet. Die beiden Töchter, schon im Teenageralter, mussten nicht mit. Erst spät hat eine gewagt, sich der Verkleidungslust der Eltern einmal anzuschließen. Sie ist heute Modedesignerin. Ein historischer Schnitt, von ihr entworfen, hängt unter Glas über Rudolfs Schreibtisch. "Er muss nur den Rock überziehen, schon bewegt er sich, als sei er am Hofe", sagt Psychologin Elisabeth. "Na und als geborener Düsseldorferin war mir das Verkleiden auch nicht fremd".

Doch Elisabeth musste erst auf den Geschmack gebracht werden. Ein wichtiges Utensil hat der heutigen Rokoko-Dame schnell geholfen: Die Visitenkarte. Wie sonst sollte man an die Fotos kommen, die die vielen angereisten Fotografen schießen? Im zweiten Jahr hatte Elisabeth schon beides, die Visitenkarte und das Kleid. Auch wieder selbst gemacht. Ein Stoff von einem Berliner Trödler und ein Schnittmuster: Burda-Karnevalschnitt "Rokoko-Dame". Und sie hat das Spiel zu genießen gelernt. "Bewundern und bewundert werden", das war es. Im Schreibtisch, in einer Plastikhülle sammeln die beiden die Visitenkarten der Fotografen.

"Die Fotos sind für uns zur Manöverkritik geworden", umschreiben die Historienfans, wie sie sich weiterentwickelt haben. Wie halte ich den Finger beim Handkuss? Wie tief beuge ich mich bei der Begrüßung? Passt die Rose zur Farbe des Kleides? Und welche Strümpfe gehören zum Rock? "Auf einem Foto habe ich zum Beispiel gesehen, wie traurig mein Rock herunterhängt", erzählt Elisabeth. Im Jahr darauf hatte sie ihren Unterrock kräftig aufgebauscht. Rudolf begann, Gemäldegalerien zu durchstreifen. Immer auf der Suche nach der Mode des 18. Jahrhunderts. Immer auf der Suche nach dem stimmigen Accessoire. Zum Beispiel ein Chinaschirm, in Berlin eine Rarität. Ein kleiner chinesischer Händler aus Neukölln hat ihn für die Dame aufgetrieben. "Ein ganz netter Mann. Für mich hat er sich in Südchina erkundigt, ihn dort aufgetrieben und dann von einer Einkaufsreise mitgebracht." Chinamode gehörte zur höfischen Kultur der Zeit, berichtet Rudolf, der stets die theoretische Untermauerung für seine Leidenschaft bietet.

In diesen Tagen, vor Beginn des eigentlichen Karnevals, füllen sich die Gassen und Plätze Venedigs, die Touristen reisen an. Musik wird von einer Bühne am Markusplatz dröhnen - Tradition allein, daran verzweifeln Elisabeth und Rudolf, ist nicht mehr, was zählt. Die Stelzigs jedoch setzen auf Tradition. Im Café Florian aus dem 17. Jahrhundert, dort wo schon Goethe weilte, ist ihr Salon. Hier und auf den Straßen spielt sich ihr Carneval ab. Stunde um Stunde flanieren Elisabeth und Rudolf dann durch die Lagunenstadt. In der Hoffnung auf höfische Begegnungen, in Vorfreude auf Spielchen um die Dame, im Wissen um die Fotografen, denen das Visitenkärtchen in die Hand gedrückt wird. "Ein Ball, ja einer zumeist, das gehört auch dazu", meint Rudolf. "Aber schöner sind doch die Begegnungen auf der Straße und mit Freunden."

Noch fünf Tage, dann machen sich Elisabeth und Rudolf Stelzig wieder auf den Weg. Ihr Wohnzimmer ist zum Anprobestudio geworden. Die Kleiderpuppe neben dem Esstisch trägt einen Rock in traditionellem hellem Blau, der beigefarbene Rock hängt an der Stange in der großen Flügeltür zum Arbeitszimmer. Daneben streckt sich das schwarze Kleid mit dem Brokateinsatz. Die große schwarze Hutschachtel wartet unter dem wieder aufgestellten Tapeziertisch. Darauf schweben Federn, rollen sich Ketten und liegt der schwarze Dreispitz. Die strassbesetzen schwarzen Herrenschuhe wollen zum Tanz poliert werden. Oder kommen die in zartem gelb und grün bezogenen österreichischen Schuhe zum Zug? Die blonde Zopfperücke, maßgeschneidert im Studio Babelsberg, liegt noch auf dem Styroporkopf auf der Anrichte. "Wir können nur vier Koffer mitnehmen", bedauert das Paar. Bis Sonntag muss alles bereit sein.

Eine Woche lang wieder eintauchen in ein ganz anderes Leben, um dann wenig später, wieder in den Alltag zurückzukehren. Ein seltsames Gefühl ist das, Jahr für Jahr. In Venedig stehen sie auf der Bühne, die Fotografen scharen sich um das stadtbekannte Rokoko-Paar. Und in Berlin? "Uns kennt keiner", bedauert Elisabeth. "Keiner will ein Foto von uns."

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