Berlin : Im Rausch der Stadt

Berlin hat über die Jahrhunderte viele Maler inspiriert. Besonders Kreuzberg zog sie an - hier traf sich schon immer die Avantgarde. Auch heute kommen Kreative aus aller Welt in Ateliers an die Spree. „Made in Berlin“ gilt als Markenzeichen

Andreas Conrad,Annette Kögel

Als Max Liebermann gefragt wurde, ob er lieber mit hartem oder weichem Bleistift arbeite, musste er nicht lange nachdenken: „Mit Talent.“ Er hatte eben nicht nur begnadete Hände, sondern war auch nicht auf den Mund gefallen. Selbst der Kaiser musste das erfahren. Der entsandte einst einen seiner Höflinge, um Liebermann zum Verlassen seines Hauses am Pariser Platz zu bewegen. Seine Majestät hätte das Brandenburger Tor lieber freistehend, das Haus möge weg. Nun, der streitbare Maler sah das nicht ein: Solange der Kaiser am einen Ende der Linden wohne, werde er, Liebermann, am anderen bleiben.

Ein typisches Beispiel für die berühmte Berliner Schnauze. Die Frage, ob es auch eine typisch Berlinische Malerei gebe, ist schon schwerer zu beantworten, wenn es überhaupt möglich ist. Man nehme nur ein Buch wie das von Detlef Lorenz, der „Künstlerspuren in Berlin vom Barock bis heute“ (Dietrich Reimer Verlag Berlin, 2002) gesammelt hat. Ein 500-seitiges Werk, das von der Adalbert- bis zur Zossener Straße reicht und minutiös die Wohn-, Arbeits- und Gedenkstätten bildender Künstler nachzeichnet. Als Nachschlagewerk famos, als Anleitung für Spaziergänge schon durch die pure Masse unbrauchbar.

Die Frage nach der typischen Berliner Kunst ist aber schon deswegen kaum lösbar, da es vielfach Zugereiste waren, die hier zu Pinsel und Farbe oder auch zum Meißel griffen – und sich von der Stadt inspirieren ließen: Leute wie Lovis Corinth, der die Malerei in München erlernt und dort erste Erfolge gesammelt hatte, bevor er 1901 an die Spree wechselte und sich der Berliner Secession anschloss – eine Vereinigung, die sich vom konservativen Kunstverständnis emanzipierte. Oder auch der Norweger Edvard Munch, der 1892 nach Berlin kam und sich in der skandinavischen Boheme um das Weinlokal „Zum Schwarzen Ferkel“ sozusagen sauwohl fühlte.

Das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts kann in der Kunstgeschichte der Stadt gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Berlin hat zwar schon vorher zahllose Künstler von Weltrang hervorgebracht oder ihnen die Möglichkeit des Aufstiegs in den Kunstolymp geboten. Erinnert sei an die Landschaftsbilder des Romantikers Carl Blechen im frühen 19. Jahrhundert, an die auf dem Dach der Friedrichwerderschen Kirche entstandenen Berlin-Panoramen Eduard Gaertners, an Schadow, Begas und den kauzigen Menzel. Aber den Rang als deutsche Kunstmetropole erlangte Berlin erst um 1900, als München deutlich matter leuchtete.

Angesichts der Überfülle der Orte und Namen kann ein Spaziergang durch das malerische Berlin natürlich nur einen kleinen Ausschnitt aus der Kunststadt Berlin vorführen, in diesem Fall konzentriert er sich auf Kreuzberg, Treptow und Mitte. Kunst in Kreuzberg – das war im späten West-Berlin zwar noch kein Synonym, aber die Verbindung war enger als anderswo in der Stadt. Unter den vielen bunten Vögeln, die sich in diesem Bezirk versammelt hatten, waren eben auch überdurchschnittlich viele Maler. Im Künstlerhaus Bethanien etwa geben sich seit den 70er Jahren internationale Künstler die Klinke in die Hand. Und Kreuzberg steht auch für Graffiti, für provozierende Kunst. In einer Millionenstadt müssen Farben knallen, damit man sie sieht. In Zürich etwa sprühen Graffiti-Künstler eher mit zartem Strich.

Aber auch in der früheren Kunstvergangenheit spielte Kreuzberg eine Rolle, und sei es, dass der alte Menzel hier, auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof, seine letzte Ruhestätte fand. George Grosz war zumindest für ein Jahr Kreuzberger, als er 1920 frisch verheiratet am Mehringdamm in der Wohnung einer Tante lebte.

Kreuzberg als Sammelpunkt einer sich als avantgardistisch begreifenden Szene setzte aber gerade damit eine Tradition der Kunststadt Berlin fort. Der Künstler mag sich als Individualist sehen, aber er tut sich gern mit anderen Individualisten zusammen, und sei es auch nur auf einen Wein. Bei Henriette Herz und den anderen Salondamen des frühen 19. Jahrhunderts wurde wohl vorwiegend Tee gereicht, daran war in Munchs „Schwarzem Ferkel“ ein knappes Jahrhundert später nicht zu denken, ebenso nicht im „Romanischen Café“, bis 1933 Treffpunkt der künstlerischen Elite. Nicht jeder genoss dessen Ambiente. So kritisierte der Schriftsteller Elias Canetti das „Scharfe, Ätzende der Atmosphäre“.

Heute dagegen „ist Berlin eine offene Stadt, in der sich die Künstler nicht so sehr gegeneinander abschotten“, sagt der Atelierbeauftragte des Senats, Florian Schöttle. Das liege vor allem daran, dass es in Berlin anders als in Paris oder London keinen großen lokalen Kunstmarkt gebe – und damit weniger Konkurrenz. Die rund 5000 professionellen Maler und Zeichner, die hier leben, verkaufen ihre Werke meist ins Ausland oder in andere Bundesländer. Seit Berlin wieder Hauptstadt ist, zieht es noch mehr internationale Maler auch wegen der Nähe zu Osteuropa an die Spree.

Das größte Atelierhaus steht am Flutgraben in Treptow. Doch vielerorts eröffnen neue „Artists in Residence“-Projekte: Atelierhäuser für Künstler aus aller Welt. Hausverwaltungen verkaufen sie an Botschaften oder Firmen. 40 Standorte gibt es, allein die Schweizer Botschaft unterhält zwölf solcher Ateliers. In Kürze soll das Projekt „Factory Berlin“ an der Wilhelminenhofstraße eröffnen. Die Zahl der Plätze in diesen Projekten ist sehr begrenzt, bei enormer Nachfrage. Denn „Made in Berlin“ – das ist für Künstler fast schon ein Markenzeichen.

Das gilt sogar in Paris, wie der Atelierbeauftragte weiß: „Künstler sind schon von der Seine an die Spree gezogen.Weil sich ihre Kunst in Frankreich besser verkauft, wenn sie in Berlin entstanden ist.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar