Im Rausch der Tiefe : Funkausstellung nimmt Dimensionen an

Eine lustig überquellende Wundertüte – das ist diese 50. Jubiläums-Ifa: Ein Besuch in 3-D bei Fernsehern, Waschmaschinen und TV-Köchen.

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Der Zuschauer trägt Brille. Das stellen sich zumindest die Hersteller von 3-D-Unterhaltungselektronik vor, die sich zahlreich auf der Ifa präsentieren. Foto: ddpWeitere Bilder anzeigen
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03.09.2010 10:32Der Zuschauer trägt Brille. Das stellen sich zumindest die Hersteller von 3-D-Unterhaltungselektronik vor, die sich zahlreich auf...

Eine lustig überquellende Wundertüte – das ist diese 50. Jubiläums-Ifa, die nur noch von sehr sturen Eingeborenen als „Funkausstellung“ bezeichnet wird. Sie zerfällt erkennbar in drei Teile: Flachbildschirme, Hausgeräte und den Rest, in dem die Computertechnik einen sehr großen, wenn auch vom Neuigkeitswert unerheblichen Platz einnimmt. Das war auch schon im Vorjahr nicht anders, nur dass diesmal die Stimmung gedreht scheint, merklich quirliger, nach vorn gerichtet – die leeren Flächen der depressiven Krisen-Ifa 2009 scheinen Vergangenheit zu sein. Das liegt vermutlich auch daran, dass es mit dem 3-D-Fernsehen mal eine Neuerung gibt, die den wenig griffigen HDTV-Hokuspokus der letzten Jahre vergessen lässt. Auch in den Hallen drunten, bei den Hausgeräten, die nach dem Willen der Messemacher „Home Appliances“ heißen sollen, stehen die ersten Waschmaschinen, die sich selbstständig am Waschmittel bedienen; die nächste Generation, so scheint es, wird Strom erzeugen, statt ihn zu verbrauchen.

Die Ausstellung erfüllt bekanntlich zwei wesentliche Zwecke: Einerseits möglichst viel Geschäft zu ermöglichen, das wird sich am Ende zeigen. Andererseits: Den Endverbrauchern zu suggerieren, dass alle vor mehr als drei Jahren erworbenen Geräte energieverschwendender Sondermüll seien. Das gelingt durchschlagend; Restzweifel lächeln die hübschen, tapfer auf höchsten Absätzen balancierenden Hostessen weg, von denen es, subjektiv, noch nie so viele gab.

Bodenständiger, aber kaum weniger zahlreich sind die Köche, deren TV-Elite sich schon am ersten Vormittag praktisch vollzählig bei den Küchenherstellern eingefunden haben. Otto Koch richtet für die ARD Zander im Speckmantel an, Tim Raue beizt für Siemens Gelbschwanzmakrele, Johann Lafer rührt bei Kenwood Zabaione, Stefan Marquardt rödelt bei AEG, gleich nebenan stehen sich Baudrexel, Kotaska und Kollegen auf den Füßen, und dazu gibt es eine unüberschaubare Zahl anderer Starköche, von denen noch nie jemand gehört hat. Kochen indessen tun sie alle recht ähnlich, die Autogrammkarten stehen immer schon zum Mitnehmen bereit, und da und dort greifen auch noch Moderatoren ins Gerede ein, allerdings mit abnehmender Tendenz.

Ist ja auch ein riskantes Geschäft, beispielsweise beim ARD-Buffet, das live übertragen wird: Otto Kochs Zander war zu früh fertig, und nun müht sich der Moderator, mit sinnfreiem Gerede das Ende der Sendung zu erreichen. Johann Lafer kann dagegen machen, was er will und gibt seinen Zuschauern eine Formel auf den Weg, die jeden Diätberater erschüttern muss: „Das beste Kartoffelpüree ist Kartoffel und Butter eins zu eins“.

Der Promi-Faktor wird für eine Publikumsmesse ohnehin immer wichtiger. Die Firma Soehnle, die Waagen und allerhand Fitnessgerät herstellt, hat sich die Biathletin Kati Wilhelm einbestellt, die nun umständlich zu erklären versucht, dass sie dies keineswegs wegen des Honorars tue, sondern, „weil, also, die Geräte haben mich einfach überzeugt, da kann ich eine glaubwürdige Botschafterin sein“. Ein Stück weiter stolpern wir über Udo Walz, allerdings nicht in Person, sondern nur über den Stand mit den nach ihm benannten Produkten, der ungefähr so groß ist wie die Repräsentanzen kleiner bis mittlerer koreanischer Konzerne.

Der Rest ist, wie immer, Fußarbeit. Bedingt durch die Teilung der Ausstellung tauchen die großen Firmen mehrfach auf, das ist in hohem Maße verwirrend. Wer es schafft, das komplette Ausstellungsangebot zu durchmessen, der hat sich die goldene Wandernadel verdient und wird anschließend geneigt sein, zu Hause sämtliche Hausgeräte zu erneuern.

Was vermutlich ein Fehler wäre. Denn bei diesem Fortschrittstempo dauert es allenfalls drei Jahre, bis wir mit dem Dampfgarer auch fernsehen können.

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