Berlin : Im Regencape zu den Scorpions

Kolja Reichert

Nein, so geht das nicht. Der Herr im „Kiss“-Bandshirt, der seine wilde Rockermähne umherschwingt und dazu Urschreie ausstößt, wird von einem Ordner in feinem Zwirn gebeten, sich doch zu setzen. Er versperre den anderen Gästen die Sicht. Die Botschaft des ersten Stücks „Rock You Like a Hurricane“ darf man nicht zu wörtlich nehmen. Das hier ist kein Rockkonzert.

Auf dem Washington-Platz, auf dem seit Donnerstag das Wohltätigkeits-Festival zu Gunsten der Charité-Klinik für krebskranke Kinder stattfindet, sind viele Stühle frei geblieben. Am Freitag wurde das Konzert von Montserrat Caballé und Marcelo Alvarez wegen Unwetters abgesagt. Am Abend danach erleben die Fans zunächst nur die wohligen Schauer, die ihnen die Scorpions, flankiert vom Filmorchester Babelsberg, über den Rücken jagen.

Deutschlands erfolgreichster und ältester Rock-Export ist immer dabei, wenn große Dinge eingerissen oder aufgebaut werden. 1989 spielten sie auf dem frisch geöffneten Potsdamer Platz ihre Globalisierungs-Hymne „Wind of Change“. Heute stehen sie auf dem jungen Washington-Platz, vor einem Haus, das die Wiedervereinigung architektonisch weiter erzählt: dem neuen Hauptbahnhof.

„Here we go“, sagt Klaus Meine diesen Abend dreimal, und „lass ma’ hör’n Berlin, ja Mann“, und schleudert, wenn er gerade nichts zu tun hat, Schlagzeugstöcke ins Publikum, mit der Routine eines Lebkuchen verteilenden Weihnachtsmannes. Am Bühnenrand verlagern drei „beautiful Mädels“ (Meine) als Backgroundchor das Gewicht vom einen aufs andere Bein. Gitarrist Rudolf Schenker, Lederweste über nackter Brust, gibt mit seiner Sonnenbrille den Raubvogel, schaufelt sich von einem Bühnenende ans andere, lässt seinen rechten Arm wie einen Propeller kreisen und macht mit dem Bassisten den lässigen Handschlag. Kollege Matthias Jabs, ganz in Leopard gekleidet, hält mit der Ergriffenheit eines Schamanen dagegen.

Der eigentliche Rockstar ist an diesem Abend Dirigent Scott Lawton , dessen Dirigentenstab fast zur Luftgitarre wird. Doch die Feinheiten seines Orchesters verschwinden hinter dem Röhren der Gitarren. Nach eineinhalb Stunden brechen die Wolken, und die Band setzt zu „Moment of Glory“ an. Bei den hohen Tönen bleibt Klaus Meine fast die Stimme weg, das Publikum in seinen transparenten Regencapes klatscht dennoch brav im Takt. So brav wie die Scorpions, die zwar böse aussehen, sich dann aber doch ganz kumpelhaft geben. Womit sie den Charme einer Anfängerband verbreiten. Nach 40 Jahren im Geschäft.

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