Berlin : Im Reich der Ego-Shooter

Konzentrierte Jungs vor Flachbildschirmen, entspannte Mädchen an der Kinobar: Am Wochenende fand die inoffizielle Weltmeisterschaft im Computerspielen am Potsdamer Platz statt

Philipp Lichterbeck

Sandra und Heike sind Zockerweibchen. Nicht, dass das beleidigend gemeint wäre, sie nennen sich selbst so. Und sie sagen Sachen wie: „Perspektive ist nicht unser Ding, wir sind Ego-Shooter.“ Die beiden Berlinerinnen sitzen am Samstagabend an der Bar im Cinestar-Kino am Potsdamer Platz. Um sie herum tobt die inoffizielle Computerspiel-Weltmeisterschaft, die „eSports Convention“, die am Wochenende erstmals in Berlin stattfand. Heike und Sandra, 21 und 17 Jahre alt, sind fast die einzigen Mädchen, die gekommen sind. „Hat wahrscheinlich mit dem Wettkampfcharakter der Computerspiele zu tun“, vermutet Heike. „Ist eher was für Typen.“

Im Foyer des Cinestar Kinos, das einer Spielhalle gleicht, sitzen und liegen die Zockermännchen vor Flachbildschirmen und daddeln – hoch konzentriert: Fußball, Tennis und das Ballerspiel Counterstrike, das in Deutschland schon ab 16 Jahren freigegeben ist, denn es spritzt, anders als in der US-Version, kein Blut.

Auch Sandra und Heike sind Counterstrike-Fans, sie haben sich beim Spielen im Internet kennengelernt. Die beiden warten jetzt darauf, dass das Duell zweier europäischer Teams beginnt. Es wird live auf den Leinwänden in zwei Kinosälen gezeigt, außerdem per Internet-Fernsehen in die ganze Welt übertragen. Moderatorenteams kommentieren in atemberaubender Geschwindigkeit auf Englisch und Deutsch.

Gerade kämpft ein Team aus Korea gegen eine Horde Orcs im Rollen- und Fantasy-Spiel Warcraft III. Die Stimme des Moderators überschlägt sich: „Jetzt wird’s aber unlustig für Team Zwei. Sie können sich morphen. Immerhin auf Stufe vier, noch ohne Verluste. Orcs erledigt, tolle Skills“. Das Publikum versteht, was er meint – und applaudiert. „Computerspiele sind spannender und schneller als Fußball“, sagt Thorsten Zippan, Projektleiter der „eSports Convention“, die von der Spiele- und Zubehörindustrie gesponsort wird. Er schätzt, dass Hunderttausende in der ganzen Welt die Veranstaltung live verfolgen.

Ins Cinestar sind rund 1000 zumeist junge Besucher gekommen.Tatsächlich zählt das Spielen im Netz unter Männern zwischen 15 und 26 Jahren nach Fußball mittlerweile zur beliebtesten Freizeitbeschäftigung. Rund 23 Milliarden Euro haben die Spielehersteller im vergangenen Jahr weltweit eingenommen. Ihre Umsätze sollen bald die der Musikindustrie übertreffen. „Und die besten Spieler verdienen Geld“, sagt Zippan. Sie werden von Spiele-Firmen unter Vertrag genommen. In Berlin wartet auf die Sieger ein Preisgeld von 50 000 Euro.

Wettbewerbe wie die „eSports“ dienen den Firmen außerdem dazu, Neuigkeiten zu präsentieren, wie etwa die Wii-Konsole. Das Publikum in Berlin nutzt sie enthusiastisch. Die Kritik an der Brutalität einiger Spiele finden Sandra und Heike „völlig daneben“: „Es kommt auf strategisches Denken an, das ist nichts für Dumme“, sagt Heike. Und warum sie bei dem schönen Wetter nicht draußen sind? „Ach, guck doch mal, wie blass wir sind. Wir spielen viel. Wir sind eben richtige Kellerkinder.“

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