Berlin : Im Reich der Wörter

In den Bibliotheken von Kreuzberg-Friedrichshain können Kinder dreierlei: lesen, lernen – und lärmen

Susanne Vieth-Entus

Wertvolle Jahre gehen verloren, wenn Kinder vor der Einschulung nicht optimal gefördert werden. Das Versäumte ist nicht aufzuholen. Deshalb hat es sich die Unternehmensberatung McKinsey in diesem Jahr zum Ziel gesetzt, gute Konzepte für die frühkindliche Bildung bundesweit ausfindig zu machen und zu publizieren. Dafür wurde der Wettbewerb „Alle Talente fördern“ ins Leben gerufen. Es meldeten sich rund 330 Projekte, unter denen eine Jury aus Fachleuten die besten 20 ermittelte. Ausgewählt wurden vor allem Initiativen, die die Chancengerechtigkeit verbessern. Wichtig war auch, dass sie übertragbar und finanzierbar sind. Unter die ersten 20 schafften es auch zwei Berliner Projekte: das Kinder- und Familienzentrum Schillerstraße in Charlottenburg sowie ein Programm zur Sprach- und Leseförderung in Bibliotheken von Friedrichshain-Kreuzberg. Alle 20 Initiativen waren eingeladen zu einem Wochenende nach Hamburg, wo es bei Workshops, Vorträgen und Gesprächen über Themen wie Fundraising und Öffentlichkeitsarbeit ging. Auf einem Bildungskongress am 26./27.Oktober wird in Berlin bekannt gegeben, welche der 20 Projekte die ersten drei Plätze belegen. Die Sieger erhalten jeweils 5000 Euro. Außerdem sollen auf dem Kongress die Ergebnisse von vier Berliner McKinsey-Bildungswerkstätten präsentiert und diskutiert werden, die sich in den vergangenen Monaten mit der frühkindlichen Förderung – etwa im naturwissenschaftlichen Bereich – befassten.

Weitere Infos unter www.mckinsey-bildet.de

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Es war einmal eine öffentliche Bibliothek. Wenn die Erzieherinnen dort mit ihren Kita-Kindern Bücher aussuchen wollten, legten sie angestrengt den Zeigefinger auf den Mund, damit bloß kein Kind die Ruhe stören möge. Wenn das dann doch mal geschah, sahen die Erzieherinnen die zusammengezogenen Augenbrauen der Bibliothekarin und wurden rot vor Scham.

Das ist lange her – zumindest in den Bibliotheken Kreuzberg-Friedrichshain. Hier geben sich Kita-Gruppen und Schulklassen die Klinke in die Hand und die Erzieherinnen müssen nicht für Stille sorgen. Die Bibliothekarinnen schnappen sich die Kinder, sitzen mit ihnen auf verstreuten Kissen im Kreis, singen ein Begrüßungslied, stellen Fragen, lüften eine große Decke, unter der lauter Überraschungen liegen – und dann wird vorgelesen. Man muss das gesehen haben.

Zum Beispiel in der Else-Ury-Bibliothek. Die liegt im tiefsten Kreuzberg, Glogauer Straße. Von der 100 Jahre alten Bibliothek ist von draußen nicht viel mehr zu sehen als ein spartanischer Schaukasten mit ein paar Büchern, wilder Wein, vergitterte Fenster und eine mit Graffiti verschmierte Tür. Durch die muss man es schaffen, dann zwei Treppen hinter sich bringen, noch eine Tür öffnen, und dann ist man im Bücherparadies.

Dort warten die Bibliothekarinnen Katrin Seewald und Angelika Knuth Tag für Tag auf Kinder. Heute ist die evangelische Kita aus der Cuvrystraße dran. Zwölf Kinder sind gekommen mit ihren Erzieherinnen Isolde Renz und Stefanie Butt. Sie haben vor allem die Vorschulkinder ausgewählt, die sprachliche Unterstützung brauchen.

Man könnte sich auch in der Kita Bücher ansehen oder vorlesen, aber von Erfolg gekrönt wäre das nicht unbedingt: „Das Drama ist, dass sich viele Kinder ganz schlecht auf Bilderbücher konzentrieren können, weil sie von zu Hause an Videos gewöhnt sind“, sagt Isolde Renz.

Bei diesem Dilemma setzen die Bibliothekarinnen von Kreuzberg-Friedrichshain an: Sie zeigen nicht einfach nur Bilderbücher, sondern kreisen das Thema des Buches vorher zusammen mit den Erzieherinnen ein. Wenn etwa das Thema „Brot“ geplant ist, geht die Kita mit den Kindern vorher zur Britzer Mühle. Dort lernen sie das Vokabular von „Ähre“ bis „Mehl“ kennen. Ein paar Tage später finden sie unter der Überraschungsdecke in der Bibliothek die passenden Gegenstände vor: einen Strauß mit Weizenähren, eine Kornmühle, zwei große Tüten mit Weizen und Roggenkörnern sowie jede Menge Bücher. Die heißen „Woher kommt das Brot?“, „Die Mühle“ oder „Das Kornfeld“. Zuerst dürfen alle Kinder Getreide mahlen, den Unterschied zwischen Roggen und Gerste bestimmen oder sagen, welche Brotsorten sie am liebsten essen, bevor die Bibliothekarin die Geschichte vom kleinen Samenkorn vorliest, die der Schöpfer der „Kleinen Raupe Nimmersatt“, Eric Carle, nicht nur aufgeschrieben, sondern auch noch schön bebildert hat. Wenn die letzte Seite dran ist, fangen die ersten Kinder zwar an zu zappeln, aber das macht nichts, weil da bereits ein Bewegungsspiel beginnt und die Kinder anschließend durch die Regale wuseln und sich ein Buch zum Ausleihen aussuchen dürfen. Auch das Carle-Buch wandert mit in die Kita, damit die anderen Kinder aus der Gruppe ebenfalls etwas von dem Bibliotheksausflug haben.

„Die Kinder wussten, was ’Korn’ bedeutet“, sagt Katrin Seewald und freut sich. Solche Sprachkenntnisse sind nicht selbstverständlich im Kiez, in dem ihre Bibliothek liegt. Und weil auch der Pisa-Schock ein Übriges tat, haben Bibliothekarinnen wie Katrin Seewald zusammen mit den Kita-Beraterinnen des Bezirksamtes im Jahr 2002 eine Bildungsoffensive gestartet, um das Sprach- und Lesevermögen der Kinder zu fördern.

Die Offensive besteht aus mehreren Bausteinen, die jeweils auf die Bedürfnisse von Zwei- bis Zwölfjährigen abgestimmt sind. Für die Vorschulkinder wurde das beschriebene Projekt „Wortstark“ entwickelt, bei dem die Kinder etwa alle drei Wochen ein Jahr lang in die Bibliothek kommen. Schon sind alle Termine bis in den Januar vergeben. Und weil es so schön ist, will sich jetzt auch Neukölln diesem Projekt anschließen.

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