Berlin : Im Schatten der Rauchwolke

Wie zwei Austauschschüler den Anschlag erlebten

NAME

Von Annette Kögel

Schon am frühen Nachmittag gab es Momente, da schien wieder alles normal zu sein. „Als wir in der Schule zusammen gegessen haben – aber der Blick fiel dann doch aus dem Fenster im achten Stock auf diese riesige Rauchwolke.“ Joshua Rogers, 17, aus Zehlendorf, hat den 11. September nur ein paar Häuserblocks vom World Trade Center entfernt erlebt – als Austauschschüler an der Stuyvesant High School in Manhattan. Genau ein Jahr ist es her, dass auch seine Mitschülerin Maisha Mantel, ebenfalls Zwölftklässlerin an der John-F.-Kennedy-Schule in Zehlendorf, erfuhr: „Meine Gastmutter arbeitet im 20. Stock in einem der Bürotürme, in die eines der Flugzeuge einschlug.“

Die beiden 16-Jährigen waren gerade eine Woche in New York, als Austauschschüler des „Ronald Lauder Student Exchange Program“ – und der 11. September war ihr erster Schultag. „Wir standen am Fenster und haben nichts kapiert“, erinnert sich Joshua an die ersten Sekunden danach. Fassungslos – auch sein Lehrer. „Er wollte den Unterricht fortführen, als ob nichts passiert wäre.“ Surreal, irreal, unfassbar – Worte wie diese kommen Maisha und Joshua auch heute noch über die Lippen, wenn sie sich erinnern. „Jeder hat versucht, auf seine Art damit unzugehen“, sagt der 17-Jährige. „Manche haben vor lauter Hilflosigkeit Witze gerissen, andere haben geweint.“

Und die beiden? „Ich bin mit meiner Gastschwester zuerst nach Hause, habe einfach nur versucht zu helfen, da zu sein“, sagt die 17-jährige Steglitzerin. „Als wir zu Hause ankamen, hat unsere Gastmutter Anna zum Glück die Tür geöffnet, und dann lagen wir uns in den Armen und haben ewig geheult.“ Ein unglaublicher „relief“ sei das gewesen. Erleichterung, Erlösung.

Kam nicht der Gedanke, schnell weg hier, schnell zurück nach Deutschland? Natürlich, mehr als einmal wollten sie abreisen, sagen die Schüler. Als die Telefone wieder funktionierten, haben sie miteinander gesprochen, mit den Eltern, mit den anderen Austauschschülern, stundenlang, und dann sei doch die Entscheidung gefallen: Wir halten durch, wir verarbeiten das hier. Die Schule ging weiter, aber an einem Ersatzstandort, „unser Gebäude war wegen des Staubes, des Asbests gesperrt“. Vormittags wurden erst die ansässigen Schüler unterrichtet, von 12 bis sechs Uhr abends waren Joshua und seine Mitschüler an der Reihe. Draußen war es trotz des verkürzten Unterrichts bei Schulschluss bereits dunkel. Joshua: „Von Normalität konnte keine Rede sein.“

Die Schüler haben mit den Amerikanern gelitten – und doch Distanz gewahrt zu einem Volk, „dessen Patriotismus schon krankhafte Züge angenommen hat“, wie Joshua sagt. Maisha ergänzt: Für mich sind das zwei Welten, New York und Berlin.“ Habt ihr Albträume? Maisha: „Es kommt schon was Bedrückendes rüber, wenn ich jetzt darüber rede. Aber Albträume? Nein.“ Joshua war in den Sommerferien in Manhattan, „da ist mir schmerzhaft bewusst geworden, das Ground Zero nur noch Baustelle ist.“

Wie sie den Tag heute in Berlin verbringen? Die ganze Schule hält inne zur Gedenkminute. Eine Schülerin, die ebenfalls in New York war, will mit niemandem sprechen, lässt sich für heute entschuldigen. Maisha hingegen hat abends einen Auftritt mit ihrem Gesangsquintett. In einem Punkt ergeht es den beiden nicht anders als Erwachsenen. „Man versucht zu vergessen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben