Berlin : Im Schatten der Zitadelle

Knapp daneben ist auch ganz schön: Maren Kroymann gastiert beim Spandauer Kultursommer.

Foto: promo/Milena Schlösser
Foto: promo/Milena Schlösser

Wie, die Kroymann singt Sonnabend auf der Zitadelle Spandau? Wohl größenwahnsinnig geworden? Okay, Maren Kroymanns Gesangsprogramm „In my Sixties“, das 2011 vor knapp 300 Leuten in der Bar jeder Vernunft umjubelte Premiere hatte, hat musikalische und humoristische Zugkraft, aber die Open-Air- Arena ist für die intimen Plaudereien der Sängerin, Schauspielerin, Kabarettistin dann doch etwas überdimensioniert.

Anruf bei Maren Kroymann. Ja, das Gerücht mit Spandau stimme, sagt sie. Nur sei es kein Konzert auf der Zitadelle, sondern eins auf der Freilichtbühne daneben, wo jedes Jahr der Spandauer Kultursommer läuft. Ach so. Da braucht man ja doch keine Angst mehr um sie und ihre Vier-Mann- Band zu haben. Auf die Zitadelle passen immerhin 10 000 Zuhörer. „Da ist die Freilichtbühne mit 500 Plätzen deutlich unspektakulärer“, sagt Kroymann. Dass es bei Freiluftkonzerten lässiger zugeht, als sie das sonst von ihrem hoch konzentrierten Kleinkunstpublikum in geschlossenen Spiegelzelten kennt, schockt sie nicht. „Die sollen ruhig alle Kartoffelsalat mitbringen, wie ich früher zu den Rolling Stones in der Waldbühne.“ Ach, und den kauen, während sie offenbart, wie sie als Mädchen mit ihrer Mutter über so ein heikles Thema wie Orgasmen redet? Das überlegt sich Kroymann, die vor kurzem 63 wurde, dann lieber doch noch mal. „Während meiner pointierten Dialoge? Nee, nur in der Pause!“ Das dürfte klappen. Sind ja wohlerzogene Leute in Spandau, die zweifelsohne auch schon von Dusty Springfield gehört haben.

Die britische Souldiva war in den Sechzigern die Heldin der gegen die verklemmte Moral der Zeit aufbegehrenden Pubertistin Kroymann. In ihrem biografisch grundierten zweiten Liederprogramm covert sie Springfields Herzschmerzsongs wie „I only want to be with you“, „Some of your lovin“ oder „I think it’s going to rain today“. Für Kroymann sind sie mehr als Musik. „Das sind Zeitdokumente.“ Musikalisch toll, aber textlich oft ein fragwürdiges Lehrstück in weiblicher Demut, die die Feministin Kroymann genüsslich freilegt und nebenbei darüber irritierende Witze macht, wie sie selbst wurde, was sie ist. „Kleine Stolpersteine im Programm“ nennt sie das.gba

Freilichtbühne an der Zitadelle, Am Juliusturm, Sonnabend, 20 Uhr, 25 Euro

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