Berlin : Im Schnitt kommt bei den Lehrern eine 50-Stunden-Woche zusammen

Susanne Vieth-Entus

"Ich war immerhin 20 Jahre lang Lehrer", pflegt Schulsenator Klaus Böger zu erzählen, wenn es um heikle Themen wie die Lehrer-Arbeitszeiterhöhung geht. Soll heißen: Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das zu verkraften ist. Soll heißen: Ich habe die Kompetenz, den Schulbereich von innen her zu beurteilen.

Was der Senator bei solchen Gelegenheiten nur selten erwähnt, ist die Tatsache, dass er niemals Kinder, sondern nur Erwachsene unterrichtet hat. Das ärgert Lehrer, die es mit "normalen" Schülern zu tun haben.

Wo der Unterschied zwischen Bögers Erwachsenenbildung im Lette-Verein und dem Unterricht in einer allgemeinbildenden Schule liegt, wird deutlich, wenn man etwa die Schöneberger Fläming-Grundschule betrachtet. Hier tobt das ganz normale Leben mit 650 Schülern. Vor allem aber ist die Schule seit 25 Jahren Vorreiter bei der Behindertenintegration und tut einiges dafür, weiterhin eine innovative Rolle zu spielen.

An der Fläming-Schule ist unbestritten, dass die Kollegen im Schnitt eine 50-Stunden-Woche bewältigen, seitdem vor zwei Jahren die Unterrichtsverpflichtung von 26,5 auf 27,5 Wochenstunden heraufgesetzt wurde. Man nahm das in Kauf, weil es nur eine vorübergehende Mehrarbeit sein sollte. Diese Überstunden sollten auf Arbeitszeitkonten gut geschrieben und später wieder abgebummelt werden können. Aber da im Sommer die Stunde Mehrarbeit hinzukommt, wird es nichts mit der ersehnten Entlastung.

Die "Fläming" reagierte auf ihre Weise. Da mit einer 50-Stunden-Woche die "Belastungsgrenze auch bei den robustesten und engagiertesten Lehrern überschritten" sei, wolle das Kollegium auf Klassenfahrten und auf die zeitaufwendigen verbalen Benotungen weitgehend verzichten, wurde den Eltern am 2. März mitgeteilt. Dies sei immer noch besser als bei der Qualität des Unterrichts Abstriche zu machen.

Wer Zweifel an der "50-Stunden-Woche" hegt, wird in der Fläming-Grundschule schnell eines Besseren belehrt. Die Lehrer können detailliert Auskunft geben über ihren Arbeitsalltag.

Da ist zum Beispiel Norbert Fassbender, ein leidenschaftlicher Lehrer, der früher immer "hier" schrie, wenn es außer der Reihe Arbeit gab. Seit Einführung der Arbeitskonten merkt er, dass die "Decke immer kürzer wird". Fassbender tritt morgens um 7.30 zur Arbeit an, denn "um 7.45 stehen die Kinder schon in der Klasse". Bis 12.30 oder 13.30 Uhr ist er dann "am Stück" mit den Kindern zusammen, unter denen auch ein schwerstbehindertes und drei behinderte sind. Zwei bis drei Stunden pro Tag benötigt er für die Vorbereitung des Unterrichts, dem Beschaffen von Material, Organisieren von Besuchen in Museen oder Kindertheatern. Wöchentlich kommt noch eine Teamsitzung hinzu, die rund 3,5 Stunden dauert. Ein Tag von Fassbenders Wochenende gehört ebenfalls der Schule. Dann werden Notizen über die Kinder und über Gespräche mit seinem Pädagogenteam angelegt. Fortbildungslektüre und Elterngespräche runden Fassbenders Wochenende regelmäßig ab.

Auch Fassbenders Kollegin Maria Schinnen, ebenfalls Sonderschulpädagogin, widerspricht der Mär vom 45-Stunden-Unterricht mit erholsamen Pausen. "Es gibt keine Pausen", sagt die 48-jährige Lehrerin, die das anspruchsvolle und deutschlandweit bekannte Integrationsprojekt der Schule von Anfang an mit getragen hat und angesichts der Arbeitzeiterhöhung die pädagogische Arbeit "wirklich für gefährdet hält".

Maria Schinnen spricht von zeitaufwendigen Fach- und Jahrgangskonferenzen, von der anspruchsvollen Referendarausbildung, von veraltetem Lehrmaterial, das - etwa in Sachen Rechtschreibreform - überarbeitet werden muss.

Ina Bühn, eine Deutsch-, Musik- und Sachkundelehrerin der Fläming-Schule, die auch eine Theater-AG betreut, hat im November ausführlich über ihre Arbeitszeit Buch geführt, weil damals im Kollegium über die von Fach zu Fach extrem unterschiedliche Arbeitsbelastung diskutiert wurde. Bühns Liste dokumentiert eine Arbeitszeit von 60 Wochenstunden.

Dass diese Summe keine Ausnahme ist, dokumentieren etliche Arbeitszeituntersuchungen der vergangenen Jahre, darunter auch die von FU-Professor Peter Hübner. Er kam zu dem Ergebnis, dass im Schnitt 47,5 Stunden pro Unterrichtswoche gearbeitet werden. Auch wenn man den Ferienvorsprung der Lehrer einrechnet, verbleiben noch 40,7 Stunden pro Woche. Ein Viertel der Lehrer arbeite sogar noch bis zu zehn Stunden mehr als der Durchschnitt.

Angesichts dieser Zahlen und der steigenden sozialen Probleme im schulischen Umfeld verwundert eine neue Studie der Uni Potsdam niemanden mehr. Die Wissenschaftler kamen zum Ergebnis, dass sich drei Viertel der Lehrer überfordert und ein Drittel "ausgebrannt" fühlt.

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