Berlin : Im Sinkflug

Tempelhof war einst die Verbindung zur freien Welt. Inzwischen fliegen nur noch 1000 Menschen am Tag vom Traditionsairport

Ohne Flughafen wäre Tempelhof nicht das geworden, was es heute ist: Ein weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannter Berliner Stadtteil, dessen Zukunft für die einen finstere Provinz, für die anderen glänzende Metropole bedeutet. Außenstehende verbinden mit Tempelhof längst gar keinen Stadtteil mehr, sondern nur eine große Freifläche zum Fliegen. Tempelhof – das bedeutet für viele Kritiker und Befürworter von Schließung oder Weiterbetrieb nichts weniger als der Schlüssel zur Zukunft Berlins.

Tempelhof hat als Wohnort ein Image-Problem, nicht aber als Flugort: Das große Rollfeld mitten in der Stadt, im Halbkreis umgeben von einer Architektur, die beeindruckt und einschüchtert, ist weltweit bekannt. Das Bauwerk wurde bis 1939 errichtet, wegen des Kriegs aber nie vollendet. Hier fing es ganz klein und harmlos an, als Exerzierplatz, der 1922 eingeebnet und dann doch sehr schnell zum ersten Verkehrsflughafen der Welt ausgebaut wurde. Anfang der dreißiger Jahre starteten und landeten hier schon mehr Maschinen als in Paris und London. Tempelhof entwickelte sich zum wichtigsten deutschen Luftkreuz. Der Architekt Ernst Sagebiel wurde 1934 mit der Erweiterung des Flughafens, mit dem Bau der großen Abfertigungsgebäude und der Hallen beauftragt. Heute zählt das Bauwerk noch immer neben dem Pentagon und dem Parlamentspalast in Bukarest zu den drei größten Gebäuden der Welt. Den Krieg überstand es ohne größere Blessuren.

Es wurde von den Sowjets besetzt, dann den Amerikanern übergeben, und ab 1946 gab es wieder Zivilflüge. Dann kam 1948/49 die Zeit, die bis heute zum Ruhm von Tempelhof beiträgt, die sich vielen Berlinern eingebrannt hat: Die Luftbrücke. Flugzeuge versorgten die abgesperrte, blockierte Weststadt mit lebenswichtigem Proviant, landeten zum Teil alle 90 Sekunden. Die Blockade der Russen wurde abgeblasen. Ein Jahr später kam der Flughafen zum normalen Leben zurück, hatte 1954 schon weit über 650000 Fluggäste, die von den alliierten Fluggesellschaften BEA (British European Airways), PAA (Pan American World Airways) und Air France befördert wurden. Kurz vor dem Mauerbau 1961 wurden Zehntausende Flüchtlinge aus Ost-Berlin und der DDR nach Westdeutschland ausgeflogen. 1975 wurde der Flughafen, auf dem bis zu sechs Millionen Passagiere im Jahr abgefertigt wurden, vorläufig geschlossen, Ende einer Ära, der neue Flughafen Tegel war fertig.

Tempelhof wurde nur noch von Lufttaxiunternehmen undRegionalfliegern genutzt, 1990 aber übernahm der Airport zur Entlastung von Tegel den größten Teil des Linienverkehrs mit kleineren Flugzeugen. Sechs Jahre später gab es den Beschluss, Tempelhof zu schließen, sobald die Ausbaugenehmigung für den neuen Großflughafen Schönefeld BBI vorliegt. Im Jahr 2004 wurde gerichtlich die Schließung untersagt, zwei Jahre später erneut beschlossen, den Flugverkehr enden zu lassen, zum Ende Oktober 2007, was wiederum Fluggesellschaften zur Klage veranlasste. Nun ist die Schließung zum 31. Oktober 2008 vom Oberverwaltungsgericht bestätigt, das Ende ist besiegelt – oder auch nicht.

Heute gibt es noch 500 Starts- und Landungen kleinerer Flugzeuge in der Woche; mit insgesamt nur noch 350000 Passagieren im Jahr. So gesehen, ist Tempelhof längst zur Provinz geworden. (C. v. L.)

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