Berlin : Im Spiel vergessen Kinder den Krieg - Projekt des Südost-Europa-Instituts vorgestellt

Alexander Pajevic

Kinder, deren Kindheit von Krieg, Vertreibung und Flüchtlingsdasein zerrissen wurde, haben keine Zeit für Kultur. Ihr Leben ist vom Heimalltag geprägt, vom endlosen Warten auf Ämtern, wo sie ihren sprachunkundigen Eltern als Dolmetscher helfen, von der Ungewissheit, wie lange sie noch in Deutschland bleiben können. Für Kultur, Theater ist da wenig Platz - höchstens für Fernsehen.

Die Psychologin Rahel Fink, die traumatisierte bosnische Kinder am Südost-Europa-Kulturzentrum ehrenamtlich betreut, wollte diesen Kindern zumindestens in den Ferien eine andere Perspektive bieten. Sie richtete deshalb in den vergangenen zwei Wochen eine aus Spendengeldern finanzierte Theaterwerkstatt ein, für deren Leitung sie die kroatische Theaterpädagogin Zvjezdana Ladika gewann. Ladika hatte das "Theater gegen Angst", wie die Leiterin des Süd-Ost-Zentrums, Bosijlka Schedlich, es nennt, schon zu Beginn der Kriege im ehemaligen Jugoslawien entwickelt, als sie mit Zagreber Kindern in Luftschutzkellern spielte. Das Ergebnis ihrer Arbeit wurde am Freitagabend in den Räumen der Hochschule der Künste gezeigt.

Das Stück, das die 13 bosnischen Akteure zwischen sieben und dreizehn Jahren - äußerlich von ihren deutschen Altersgenossen nicht zu unterscheiden - aufführten, hieß "En Ten Tini". Die Lautmalerei war Programm: Die Kinder stellten keine zusammenhängende Handlung dar, sondern drückten in vier während der Werkstatt gemeinsam erarbeiteten Episoden Lebensfreude und Spaß, vielleicht sogar die Albernheit des Kindseins aus. Aber auch das Leben, Vergehen und Wiedererblühen im Wald und im Wechsel der Jahreszeiten stellten die Kinder pantomimisch und ausgelassen dar - eingerahmt von der Forderung: "Lustige Tage für uns alle".

"Was sie gemacht haben, haben sie sich mit dem Herzen erarbeitet", sagte die Regisseurin. Gemeinsam ist man in den Wald, aber auch in die Gemäldegalerie gegangen, um Anregungen zu finden. Für die meisten Kinder waren dies ganz neue Erfahrungen, in denen sie ihre eigene Kreativität entdeckten. "Sie müssen - egal wo sie morgen sind - eine Persönlichkeit entwickeln, damit sie selbst eine neue Welt schaffen können", wünscht sich Ladika.

Fink beobachtete, dass die Kinder im Rollenspiel aus sich herauskamen. So hätten sie ihren Alltag, über den sie zuvor nicht einmal sprechen mochten, auf einmal doch reflektieren können. "Das sollte aber keine Therapie sein," hebt sie hervor, "sondern eine Ferienbeschäftigung - wenn auch mit therapeutischem Hintergrund".

Bosiljka Schedlich meint, auch für Bosnier sei immer noch Nachkriegszeit, wenn auch die öffentliche Aufmerksamkeit durch den Kosovokrieg von Bosnien abgerückt sei: "Die Kinder sind Betroffene. Erwachsene können in Therapien sprechen. Die Kinder spielen." Sie wünscht sich, dass sie das Projekt weiterführen kann. Einen Jungen, der mit seiner Mutter aus Srebrenica geflohen war, hat sie beobachtet, wie er sich nach dem Theaterspielen an die Brust fasste und zu seiner Mutter sagte: "Ach Mamma, das tut hier richtig gut."

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