Berlin : Im Stau zum Stern

Die Stadt gehörte den Radfahrern: 250000 Teilnehmer kamen zur großen Tour. Sie bevölkerten die Avus, drängelten sich am Funkturm – und hatten Spaß

Stefan Jacobs

Kurz nach dem Start am Bundesplatz erkundigt sich ein Autofahrer schüchtern durchs offene Seitenfenster: „Dauert das hier länger?“ Ein vielstimmiges Lachen schallt ihm entgegen. Es dauert eben etwas länger, wenn tausend Radler gemächlich durch Wilmersdorf rollen. In Steglitz werden es noch ein paar mehr, und in Teltow sind es schon so viele, dass ein in der Menge gefangener Motorrad-Polizist juxt: „Hilfe, ich krieg’ hier Platzangst!“

Auf dem Weg zurück nach Berlin sind es schon mehr als 2000, die dieser 40 Kilometer langen Route der 16-strahligen Sternfahrt folgen. „Respekt für Radler“, heißt das Motto, das – in Kombination mit Sonnenschein und der Aussicht auf die Fahrt über die Avus – eine riesige Radlerschar angelockt hat. Die Jüngsten fahren im Kindersitz mit, die Ältesten auf voll gefederten Raddampfern. Dazwischen ganz normale Leute auf Tourenrädern und papageienbunte Freaks auf Hightech-Schockern – vereint hinter ihrem Anführer: Thomas Buhle.

Der 38-Jährige leitet sonst die Kundenbetreuung beim Kurierdienst Messenger und führt jetzt als Ordner die Schar an, die ihm folgt wie ein Rudel Lemminge. Buhle versucht, die Richtgeschwindigkeit von 13 Stundenkilometern zu halten, pfeift Heißsporne hinter das vorausfahrende Polizeiauto zurück und stimmt über Funk mit seinem Schlussfahrer das Tempo ab. Buhle hat Stress und gute Laune und dank seines orangefarbenen Ordner-T-Shirts offenbar so viel Autorität, dass die Leute ihm intuitiv folgen, wenn er nur mal bis zum Fenster des Polizeiautos sprintet, um mit dem Fahrer zu reden. Hinterher müssen alle wieder bremsen, und weil sie so dicht und kreuz und quer fahren, quietschen manchmal die Bremsen. „Ich fühle mich ziemlich gehetzt“, bemerkt der Polizist am Steuer beim Blick in den Rückspiegel, aber er sieht zufrieden aus hinter seiner Sonnenbrille. Seine Kollegen, die die Autofahrer in den Querstraßen in Schach halten, haben mehr zu tun als er.

Am Bahnhof Zehlendorf werden mit großem Geklingel die nächsten Radler begrüßt, für die kaum noch Platz auf der Straße ist. Und vor der Auffahrt auf die Avus, wo sich die Routen von Potsdam und Spandau mit der aus Zehlendorf treffen, ist Stau. „Letztes Jahr haben wir hier eine Stunde gestanden“, sagt Buhle. Diesmal geht es nach zwanzig Minuten weiter. Auf der Autobahn ist genug Platz für Massenspurts und Ausreißversuche durchs unüberschaubare Feld. Und für eine Bergwertung, denn hinter der Spanischen Allee steigt die Strecke lange sanft an, was man im Auto gar nicht merkt.

Am Dreieck Funkturm gibt es noch mal Stau, am Großen Stern überholt keuchend Christian Ströbele, und am Brandenburger Tor rollt glücklich Benno Koch heran, der als Vorsitzender des Fahrradclubs ADFC die Sternfahrt geplant hat und schätzt, dass 250000 Leute mitgeradelt sind. Neben ihm stoppt Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg JungeReyer, die laut verspricht, ab jetzt immer mitzufahren – und ganz leise ergänzt, damit es keiner hört: „Wenn’s im nächsten Jahr nicht Strippen regnet.“

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