Berlin : Im Supermarkt nachts um halb eins

Wer nicht schlafen kann, geht in Wilmersdorf einkaufen: Reichelt in der Berliner Straße öffnet werktags rund um die Uhr

G,a Bartels

Gegen Mitternacht fährt ein Polizeiwagen vor. Zielstrebig und federnden Schrittes eilt der Beamte in die Reichelt-Filiale in der Berliner Straße 24–25 in Wilmersdorf. Erste Kontrolle der Gesetzeshüter beim ersten 24-Stunden-Supermarkt der Stadt? „Nee“, sagt Patrick Schwartz vom Abschnitt 26 und scherzt mit der Kassiererin, „ich wollte nur nicht zur teuren Tankstelle.“ Sein Einkauf: eine Tüte grüne Weingummifrösche.

Klaus Ehlert, Mitte 60, hat schon etwas mehr erworben: Zwei Gläser Senf wandern in den Kofferraum seines vorm Supermarkt parkenden Autos. Einkaufen um diese Zeit, das müsse er sonst nicht haben, sagt der Wilmersdorfer. „Aber mein Besuch aus Gelsenkirchen wollte unbedingt mal nachts einkaufen“, sagt er und verdreht die Augen. Das sieht ein Schöneberger Rentner gleichen Alters, der seinen Großeinkauf gerade in zwei Papiertüten verstaut, ganz anders: Er sei Nachtmensch, käme außerdem gerade von einer Reise, und nachts einkaufen habe er auch in Amerika immer so schön ruhig gefunden.

Der nächtliche Supermarkt als Oase der Ruhe könnte tatsächlich ein Geheimtipp werden. Die Lautsprecher schweigen. Kein Anpreisen von supersüßen, saftigen Wassermelonen zum sensationellen Sonderpreis, und Musikgedudel gibt’s bei Reichelt sowieso nicht. Nur die Kühlaggregate der Frischwarentheken summen vor sich hin. Prall gefüllt mit Wurst, Käse oder Fisch – Bedienung gibt es nachts keine. Und wo sonst Brötchen und Kuchen verkauft werden, stehen in der Nacht zu Dienstag die beschlipsten Herren von der Reichelt-Geschäftsführung neben großen Kaffeekannen und betrachten wohlwollend die hereintröpfelnden Nachtschwärmer.

15 Mitarbeiter plus ein Team von neun Regalauffüllern seien für die Nacht neu angeheuert worden, sagt Geschäftsführer Frank Rainer Kaul. Der Betriebsrat hat zugestimmt, dass die Kassierer oder Sicherheitsleute von Dienstleistungsfirmen kommen. Nur die Nachtmarktleiter sind reguläre Reichelt-Angestellte. Warum gerade die Filiale in der Berliner Straße den Vorreiter beim Nachteinkauf macht? In den westlichen Stadtteilen seien längere Öffnungzeiten beliebter, sagt Kaul, besonders in Charlottenburg-Wilmersdorf. Und dann erzählt er von einem 24-Stunden-Supermarkt in Bremerhaven, mit dem man seit April beste Erfahrungen mache. Wie lange der Nachtverkauf in Wilmersdorf geplant sei? „Wir lassen jetzt erst mal bis auf Weiteres auf!“, sagt der Kaufmann kämpferisch.

Zehn vor eins lässt die Neugier auf den Premierenabend bei Reichelt allmählich nach. Trotzdem stromern weiter Kunden aller Altersklassen durch die Gänge. Die einen nutzen den Supermarkt wie sonst die Tankstelle und kaufen Chips und Bier als zweites Abendbrot ein, die anderen erledigen ihren tagsüber verschobenen Einkauf.

Roland Steuer packt Sellerie, Milch, Eier und Joghurt aufs Kassenband. Warum er ausgerechnet jetzt einkauft? „Ich bin direkt aus meiner Wilmersdorfer Arztpraxis ins Fitnessstudio und kam vorher nicht dazu.“ Arbeiten, Sport und Einkaufen – das sei so richtig entspannend. Der 32-jährige Semi Scheller ist extra aus Treptow mit dem Roller hergebrummt. Ob er die Mitarbeiter wegen der Nachtarbeit bedauert? „Nö, find ich ganz normal“, antwortet der Callcenter-Angestellte. Er mache das schließlich selber.

Kassiererin Viktoria Eichert, 21 Jahre alt, sieht das genauso. Sie hat bis 2 Uhr Dienst und fährt dann zurück nach Neukölln. Angst hat sie keine bei Nacht im Supermarkt. „Komische Vögel trifft man auch tagsüber.“ Direkt hinter den Kassen stehen zwei Sicherheitsleute parat. „Alles easy heute Nacht“, sagt der eine und knackt mit den Fingerknöcheln.

Ab drei Uhr ist tote Hose im Supermarkt. Ganze zwei Kunden betrachten die bunte Warenwelt. Nur die Regalauffüller sind noch emsig. Ex-Banker Hans Scharfe, 56, macht das von Mitternacht bis 4 Uhr als 400-Euro-Job, tagsüber arbeitet er im Callcenter. Nachteinkauf sei gut, findet er, privat und ökonomisch. Spricht’s und stapelt weiter Tee. Und so steht in seiner Person die Zukunft der Arbeits- und Einkaufswelt plötzlich lebendig vor einem: zwei Jobs, Nachtarbeit und Einkaufen rund um die Uhr.

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