Berlin : Im Takt der Taigatrommel

Ein „Album Berliner Verkehr“ erinnert an die Jahre des Umbruchs 1991/92

Andreas Conrad

Man mag es kaum mehr glauben, aber daran hatte eine Bundesbauministerin ernsthaft gedacht: Das Reichsbankgebäude am Werderschen Markt – abreißen. Das Staatsratsgebäude am Schlossplatz – abreißen. Auch das Haus der Ministerien an der Leipziger Straße – weg damit, um Platz zu schaffen für die Neubauten des Bundes. 14 Jahre ist das erst her, so lange wie die Grundsteinlegung des Jüdischen Museums, der Mord an vier iranischen Oppositionspolitikern im Restaurant „Mykonos“ oder der Staatsakt im Reichstagsgebäude zum Tode Willy Brandts. Geöffnet wurde auch mal wieder das Brandenburger Tor, zuerst für Busse und Taxis, erst zehn Jahre später war mit dem Durchgangsverkehr endgültig Schluss. Bei der Bahn entwickelte man für die Streckenführung durch die Stadt das sogenannte Pilzkonzept, mit einem noch zu bauenden Hauptbahnhof als Schnittstelle. Und die BVG bestellte erstmals durchgehend begehbare U-Bahnzüge.

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Einige Details nur aus dem „Album Berliner Verkehr 1991/1992“, das Tagesspiegel-Redakteur Klaus Kurpjuweit und Fotograf Bodo Schulz für die genannten Jahre zusammengetragen haben. Auch wenn das Thema Verkehr, besonders bei den Abbildungen, dominiert, so ist der mit Informativem kenntnisreich ergänzte Bildband doch zugleich ein Querschnitt durch einen spannenden Abschnitt der Berliner Geschichte, als die beiden jahrzehntelang getrennten Hälften zusammenzuwachsen begannen, als die Unterschiede noch weit deutlicher waren als heute. Noch sind die U-Bahnen im Osten anders lackiert als im Westen, ragen von den Türmen der Oberbaumbrücke nur die Nachkriegsstummel empor, rollt über das Schienennetz weiter die legendäre „Taigatrommel“, und an der S-Bahnstation Olympiastadion enden verkrautete Gleise im Nichts. Es waren Jahre des rasanten Wandels, abzulesen schon an simplen Werbetafeln. 1991 machte die Reichsbahn an der Brücke über die Hardenbergstraße am Bahnhof Zoo noch allein Reklame, ein Jahr später schon Seite an Seite mit der Bundesbahn, um Passagiere für Intercity und Eurocity zu begeistern. Dass dort einmal keine Fernzüge mehr halten sollten, wer hätte das gedacht.

Klaus Kurpjuweit / Bodo Schulz: Album Berliner Verkehr 1991/1992. VBN Verlag B. Neddermeyer, Berlin. 176 Seiten in Englisch und Deutsch, etwa 170 Farbfotos, 39,80 Euro.

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