Im Taxi durch die Stadt : Viele Taxifahrer halten nichts vom anschnallen

Auch für Taxifahrer gilt die Gurtpflicht. Beachtet wird sie nicht. Denn bei Attacken gilt vor allem für Frauen: Bloß raus aus dem Auto.

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Nachts beginnt für Taxifahrer und -fahrerinnen die risikoreiche Arbeitszeit. Berufsfahrer müssen immer wieder mit Übergriffen rechnen. Wer angegurtet ist, kann nicht so schnell weg.
Nachts beginnt für Taxifahrer und -fahrerinnen die risikoreiche Arbeitszeit. Berufsfahrer müssen immer wieder mit Übergriffen...Foto: picture alliance / dpa

Die Frau am Steuer fährt mit dem Hybridtaxi souverän durch die Nacht. Allein das rote Blinklicht im Cockpit verwundert den Fahrgast auf dem Rücksitz: „Achtung, bitte anschnallen!“ lautet die Warnung. Warum sich die Taxifahrerin bei dem Verkehr nicht absichert? „Ich bin schon von Fahrgästen betatscht worden. Und außerdem möchte ich schnell aus dem Auto herauskommen können, falls ich überfallen oder anderweitig attackiert werden sollte“, sagt die Frau mittleren Alters.

In Berlin ist es keine Ausnahme, dass Taxifahrerinnen und Taxifahrer vor allem bei Nachtfahrten belästigt, angemacht oder bedrängt werden. Das bestätigt auch Detlev Freutel, Vorsitzender des Taxiverbandes Berlin Brandenburg. Er vertritt insgesamt rund 3000 Berliner Taxifahrer. Ihren Alltag im Dienst beschreibt er so: „Wir kriegen die Welt so rein, wie sie ist.“

Also steigen gerade nachts auch angeheiterte oder suizidgefährdete, bekiffte oder aggressive, nächtedurchtanzende oder auch unbeherrschte Kunden ein. Ist die Autotür zu, bekommt der Fahrer „innerhalb von Sekunden eine grobe Einschätzung des Fahrgastes“. Die Fahrer müssten oft genug mit sehr speziellen Typen klar kommen, leichter geworden sei das Geschäft in der Hauptstadt in den vergangenen Jahren nicht, sagt Verbandschef und Taxiunternehmer Detlev Freutel.

Er erzählt von einer Fahrerin, „lieb und nett, im Kern aber auch resolut“. Sie habe ihm kürzlich beschämt gestanden, „dass sie nachts im Wagen vom Fahrgast, der hinter ihr saß, begrabscht wurde“. Freutel hat das in seiner Taxifahrerkarriere selbst öfter erlebt. Männer hätten ihn vereinzelt mit zunächst „völlig harmlos wirkenden Formulierungen“ aufgefordert, zu diversen Zielen zu fahren. Dann hieß es plötzlich „Mensch, Süßer“, und ihm wurde eindeutig zweideutig die Hand auf die Schulter gelegt. Eine solche Grenzüberschreitung berge oft schon Aggressionspotenzial. Es sei Vorsicht geboten, bei Weigerung könne die Anmache auch in Wut umschlagen. Sich richtig zu verhalten lernen Taxifahrer auch in der Ausbildung für den P-Schein. „In einem solchen Fall sollte man hoch konzentriert sein und keinesfalls in irgendeinem Hinterhof halten.“

Gerade Taxifahrerinnen müssten „resolut und selbstbewusst auftreten und dem Fahrgast gegenüber eine klare Linie vertreten“. Eine Statistik zur Anzahl der Taxifahrerinnen in Berlin gibt es nicht, Schätzungen zufolge sind es etwa zehn Prozent. Doch der Job werde leicht unterschätzt: Man müsse nicht nur Autofahren können, sondern unter anderem auch psychologisch versiert sein.

Taxis zählen vor dem Gesetz zum öffentlichen Personenverkehr. Laut Detlev Freutel und seinem Vorstandskollegen Uwe Gawehn von der Berliner Taxiinnung sind Taxifahrer wegen ihrer acht bis zehn Stunden hinterm Steuer zudem besonders gefährdet, im Großstadtverkehr in einen Unfall verwickelt zu werden oder auch selbst einen zu verursachen. Daher müssen die Unternehmer auch drei- bis viermal so hohe Versicherungsgebühren an die Kfz-Versicherungen zahlen.

Verbandschef Freutel versteht den Wunsch von Taxifahrern, sich nicht anzuschnallen, um in problematischen Situationen schnell reagieren zu können. Bei all den Gefahren durch Stress, Drogenkosumenten an Bord und Überfälle „ist das Gefühl wichtig, im Ernstfall blitzschnell rauskommen zu können“. Ein Blick in die Polizeistatistik zeigt, dass im Jahr 2012 insgesamt 205 Fälle von Beraubung von Taxifahrern angezeigt wurden. Im vergangenen Jahr wurden Taxifahrerinnen und Taxifahrer 157 mal Opfer solcher Attacken. Über den Anteil von Taxen an Verkehrsunfällen oder Geschwindigkeitsüberschreitungen führt die Polizei keine gesonderte Statistik. Auch nicht darüber, wie viele Fahrerinnen und Fahrer bedrängt werden. „Wir empfehlen Betroffenen generell, solche Vorfälle anzuzeigen“, sagt ein Polizeipressesprecher.

Trotz der möglichen Gefährdung hat sich die Taxiinnung Berlin-Brandenburg dafür eingesetzt, dass der Bundesverband beim Gesetzgeber eine allgemeine Anschnallpflicht auch für Taxifahrer mit Gästen im Auto beschließt. Fluchtreflex hin oder her: Der Schutz bei einem Unfall hat für den Verband doch Vorrang.

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