Berlin : Im Vertrauen ist Gott gegenwärtig

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SONNTAGS UM ZEHN

Hell scheint die Sonne an diesem Sonntagmorgen durch die klaren Fenster der Heilig-Kreuz-Kirche in Kreuzberg. „Die güldne Sonne voll Freud und Wonne bringt unseren Grenzen mit ihrem Glänzen ein herzerquickendes, liebliches Licht“, wird die Gemeinde später singen.

Wie kann man an Gott festhalten, wenn man an die Grenze seines Vertrauens zu ihm gelangt? Wie weit ist mit Gott zu rechnen, wenn einem die Puste ausgeht? In der Erzählung von der Auferweckung klagt Maria: „Angesichts des Todes warst Du nicht da.“ Pfarrer Peter Storck möchte Mut machen und zeigen, dass sich mit Vertrauen Leben bestehen lässt. Auf eine „Reise in abgelegene Gebiete des Neuen Testaments“ begibt er sich dazu mit den etwa 100 Gläubigen: „Werft Euer Vertrauen nicht weg“, laute die Botschaft im zehnten Kapitel des Hebräerbriefes.

Und dieses Vertrauen könne viel bewirken, sagt der junge Pfarrer. Er erzählt die Geschichte von der afrikanischen Frau, die im Frühjahr von der Polizei an der Kirche abgesetzt wurde. Mit Säugling und Kleinkind, der Mann in der Abschiebehaft. Wer ist in einer solchen Situation zuständig? Eine Ahnung, ein Zutrauen müsse die Polizisten zur Kirche getrieben haben: Irgend etwas müsse dort, wo Leute mit Gott zu tun haben, doch „anders ticken“. Und auch die verstörte, verängstigte Frau merkte: Hier gelten andere Gesetze, die dem Bedrohenden die Macht nehmen. Die Frau aber sollte in den Zug gesetzt werden und Deutschland verlassen. „Geduldig müsst ihr sein“, heiße es im Hebräerbrief; doch das Vertrauen, dass sie etwas tun könnten, sei den Helfern ausgegangen. Schließlich aber sei die Frau zurückgekehrt, ein Besuch im Gefängnis sei organisiert worden, und am Ende konnten beide gemeinsam heimkehren.

Er erzähle die Geschichte, weil einen solch ein Schicksal nicht kalt lassen könne, sagt Pfarrer Storck. Wo die Gleichgültigkeit zunehme, nehme das Vertrauen ab. Aber: „Gerade wo wir etwas tun, werfen wir das Vertrauen nicht hin.“ Dazu müsse aber auch Geduld kommen und das Vertrauen, dass man nicht auf sich alleine gestellt sei und Gott bei einem sei. „Vertrauen und Geduld gehören zusammen, wenn wir das Verheißen empfangen wollen.“

Die Geschichte, die der junge Pfarrer erzählt, spiegelt gut das Selbstverständnis der Heilig-Kreuz-Kirche wider, die nach ihrer Wiedereröffnung 1995 als „Offene Kirche“ tätig sein möchte. Das bezieht sich nicht nur auf die lichtdurchfluteten, offenen Räume. Hilfe und Schutz für Flüchtlinge sind ein Schwerpunkt der Gemeindearbeit seit dem ersten Kirchenasyl 1983. Nach dem Umbau der Kirche ist auch das Gemeindehaus in den Kirchenbau integriert. Mit Konzerten, Chorproben, Seniorentanzgruppen, Mieterberatung oder dem Kirchen-Café hat sich es sich zu einem Gemeinde-, Kultur- und Stadtteilzentrum entwickelt.

Die Kollekte dieses Gottesdienstes geht der Ausländerarbeit zu. Die Sonne war zwischenzeitlich hinter Wolken verschwunden; nun scheint sie wieder. „Gott ist gegenwärtig“, hatte Pfarrer Storck zu Beginn gesagt. Man muss nur Vertrauen haben. Malte Meinhardt

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