Berlin : Im Winter kommen die Räder aufs Abstellgleis

Die „Call-a-bike“-Saison ist zu Ende. Das Interesse am Verleih-Angebot hat die Erwartungen übertroffen. Nur Diebstahl und Vandalismus ärgern die Bahn

Stephan Wiehler

Auf seinen berufsbedingten Streifzügen durch die Straßen Berlins macht der eingefleischte Münchener Klaus Rutzmoser ständig ungewohnte Erfahrungen mit den ortsüblichen menschlichen Skurrilitäten. Seit Ende Juli ist der 25-Jährige fast täglich mit einem Mercedes-Transporter unterwegs. Im Auftrag der Deutschen Bahn sammelt der gelernte Schreiner die Mietfahrräder des Fuhrparkservice „Call a bike“ von verkehrsungünstigen Abstellplätzen auf, um sie an zentralen Knotenpunkten der Stadt wieder auszuladen oder die Räder – im Pannenfall – zur Reparatur ins Service-Center der Bahn zu schaffen.

Mancherorts macht er dabei direkte Bekanntschaft mit Menschen, die dem Konzern, der seinen Kunden mit der telefongestützten Fahrradvermietung zu umweltfreundlicher Mobilität verhelfen will, unmissverständlich offen ihre Feindschaft demonstrieren. Rutzmoser erinnert sich an eine Gruppe Punks, die eines der Fahrräder in Friedrichshain als Trampolin benutzte. „Die Bahn ist doch Scheiße“, hätten die Irokesen ihr Zerstörungswerk begründet, erzählt Rutzmoser. „Ich versuchte die Jungs zu überzeugen, dass Call a bike eine gute Idee sei und man die Räder für nur fünf Cents mieten könne. Da bekam ich zu hören, das sei doch unverschämt. Die Räder müssten umsonst sein.“

Doch die Fälle, in denen die Mieträder als Streitobjekte im Klassenkampf zu Schaden kommen, sind die Ausnahme. An diesem Vormittag führt Klaus Rutzmoser die Sammeltour durch Kreuzberg. Die Koordinaten im Dreieck zwischen Köpenicker Straße, Mariannenplatz und Skalitzer Straße bilden die von den Nutzern telefonisch gemeldeten Standortdaten der abgestellten Fahrräder, die optimale Routenplanung hat zuvor der Computer mit einem Stadtplanprogramm errechnet. Mit geübtem Blick hält Rutzmoser Ausschau nach den auffälligen Aluminium-Rädern mit dem roten Firmensignet der Bahn. Erste Fundstelle: Engeldamm/Ecke Melchiorstraße. Das Fahrrad lehnt an einem Straßenschild. Um das Bügelschloss öffnen zu können, ruft Rutzmoser über Handy einen vierstelligen Zahlencode ab. Nach Eingabe in das Display des chipgesteuerten Sicherungskastens lässt sich das Schloss per Knopfdruck öffnen. Im Prinzip befolgt Rutzmoser das gleiche Prozedere, wie die Nutzer des Call-a-bike-Angebots, die den Freischaltcode gegen Angabe ihrer Kreditkartennummer oder ihrer Bankverbindung bekommen.

Nach einem kurzen Funktions-Check lädt der Fahrradkurier das Rad in den Transporter. Acht Räder sind es an diesem Morgen, die Rutzmoser an Kreuzbergs Straßenrändern aufliest, zwei von ihnen weisen auffällig ähnliche Mängel auf. Rutzmoser erkennt den Schwund schon beim Heranfahren. An der Hinterachse hängt die Kette herab, der kleine Zahnkreis mitsamt Aufhängung fehlt. „Da hat jemand das Schaltwerk abmontiert, das geht nur mit Spezialwerkzeug“, erklärt Rutzmoser. Nur 200 Meter weiter steht ein weiteres Fahrrad der Bahn mit fehlendem Schaltwerk. „Dazu gehört schon eine gewisse kriminelle Energie“, wundert sich der Bayer. „In München haben wir so etwas kaum erlebt.“

Klaus Rutzmoser war von Anfang an dabei, als Call a bike im April 2000 in München startete. Im Oktober 2001 übernahm die Deutsche Bahn die Geschäftsidee, seit 31. Juli läuft die Fahrradvermietung per Handy in Berlin. Trotz der Verluste durch Vandalismus und Diebstähle ist die Bahn mehr als zufrieden mit der ersten Fahrradsaison. „Unsere Erwartungen wurden übertroffen“, sagt Andreas Fuhrmann, Sprecher der Bahn in Berlin. Die Datenbank zählt inzwischen 8000 registrierte Kunden mit rund 45 000 Nutzungen. Insgesamt 28 000 Stunden waren die Räder in Berlin unterwegs. Vor allem bei Einheimischen hat sich die Fahrradvermietung der Bahn durchgesetzt: 80 Prozent der Nutzer kommen aus Berlin und dem Umland. Obwohl das Alurad als Unisexmodell konzipiert ist, zeigen sich Frauen zurückhaltender als Männer: Nur 20 Prozent der Nutzer sind weiblich.

Auf dem Flanierstreifen Unter den Linden hat Rutzmoser die in Kreuzberg eingesammelten Fahrräder inzwischen ausgeladen. Das Gebiet zwischen Brandenburger Tor und Hackescher Markt gilt als so genannter „Megapoint“. Hier schwingen sich die meisten Nutzer auf den gemieteten Sattel. Auf Rutzmosers Fahrplan stehen jetzt noch ein paar „Trouble Tickets“, Pannenfälle, die zur Reparatur anstehen. Eine verklemmte Gangschaltung an der Dircksenstraße in Mitte, ein platter Hinterreifen Am Friedrichshain. Klaus Rutzmoser hätte das nötige Werkzeug sowie Ersatzräder dabei, um die Räder sofort zu reparieren. Doch die Saison geht zu Ende, am 23. Dezember sollen die Räder für die Winterpause (bis 28. Februar 2003) eingelagert werden. Schon jetzt werden wartungsbedürftige Räder deshalb aus dem Verkehr gezogen.

Die Fahrt geht in das Call-a-bike-Servicecenter. In den Gewölben des S-Bahnbogens 424 in Tiergarten hat die Bahn ihre Fahrradwerkstatt eingerichtet. Hunderte Fahrräder sind bereits aufgereiht und gestapelt für die Winterpause eingelagert. Auch die Reste der am härtesten mitgenommenen Exemplare werden hier aufbewahrt. Aufgeschnittene Sattel, lackbesprühte Alurahmen und eine rostbraune Radruine, die nach mehreren Wochen aus dem Landwehrkanal gefischt wurde – auch so etwas hat Klaus Rutzmoser an der Isar nie erlebt.

Kälteunempfindliche Kunden können die Call-a-bike-Räder während der Winterpause vom 16. Dezember bis zum 28. Februar zum Pauschalpreis von 40 Euro mieten (Bahncard-Inhaber zahlen 30 Euro). Infos unter Tel. 0800-5225522

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