Berlin : Im Wirbelwind

Aktionskunst: Scheine vom Himmel, Skulpturen im Untergrund

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Kunst von oben, Kunst von unten: Aus rund 200 Metern Höhe ließ die Künstlerin Maja Spasova gestern Nachmittag vom Fernsehturm am Alex rund 50 000 „Herbstblätter“ auf die Stadt regnen. Und während sich Berliner und Touristen nach den Papierstückchen bückten und sich ihren Reim auf die Botschaften „Schuldig“ und „Unschuldig“ machen konnten, gingen andere in die Tiefe: Im Rohbau des U-Bahnhofs Reichstag besichtigten sie die Ausstellung „Fraktale“ mit einer überdimensionale Maus aus Staub.

Während die Kunst im tiefen Bahnhof noch bis zum ersten November zu sehen ist und drei Euro Eintritt kostet, war die Kunst von hoher Warte aus für die Betrachter umsonst. Um 15 Uhr sollte die Aktion der in Berlin und Stockholm lebenden, aus Bulgarien stammenden Künstlerin losgehen, wobei am Fernsehturm selbst kein Hinweis zu sehen war.

Aber Eingeweihte reckten die Hälse, bis es schmerzte und machten sich Gedanken über die Windrichtung und die Abwurfstelle oberhalb des Cafés. Und überlegten, wie die Blätter wohl aussehen könnten, die da angekündigt waren. Zehn nach drei wirbelten dann die ersten schubweise herunter, landeten angesichts des leichten Windes nicht direkt unter dem Turm, sondern flogen Richtung Alex und einstiges Haus des Lehrers. Dort wunderten sich die Leute, was da geflogen kam. „Na Mädel, schuldig, wa?“, lästerte ein älteres Ehepaar, als eine jüngere Frau einige der gelben Papierfetzen aufhob und las. Aber das „Mädel“ hatte gleich einen mehrere zusammenklebende Zettel der Sorte „Unschuldig“ aufgelesen, und meinte, das überrasche sie überhaupt nicht.

Maja Spasova, die diese Aktion in Stockholm startete und im nächsten Jahr für Sofia plant, sieht natürlich einen tieferen Sinn im Herbstlaub von ganz oben. Der Wind sei hier Weissager und Richter, und er entscheide, wer seinen Urteilsspruch bekomme. Die Botschaft sei kryptisch und verlange, dass der Empfänger sie werte, nach seiner Verantwortungsbereitschaft und seinen Gewissensqualen frage. Der von oben kommende Richterspruch enthalte Energie, die aus eingefahrenen Spuren herausführen und die Augen für ungeahnte Möglichkeiten öffnen könne. Viele Leute unten machten allerdings den Eindruck, sie interessiere das Ganze nicht, etliche schimpften auf den „Müll“, andere freuten sich oder bemerkten die herunterfliegenden Zettel gar nicht. Unterstützt wurde die Aktion unter anderem von der Schwedischen Botschaft.

Ebenfalls ungewöhnliche Kunstformen, aber in der Tiefe, bietet die Kunstausstellung auf dem unfertigen Bahnhof am Reichstag. Der Torso, entworfen vom Kanzleramtsarchitekten Axel Schultes, ist mit seinen sieben Meter hohen Säulen, Rampen und Tunnelstücken als Veranstaltungsort längst kein Geheimtipp mehr. Fraktale-Projektleiter Bernhard Draz, der um den Raum hatte kämpfen müssen, zeigte sich gestern begeistert von der Atmosphäre, die den Werken der insgesamt 19 ausstellenden Künstler entgegenkommt.

Metaphysik, Transzendenz und Spiritualität sind Themen der Ausstellung, aber so trocken es klingt, so spannend ist es an diesem geheimnisvollen Ort inszeniert. Der „Wirbel“ von Birgit Dieker etwa, ein im Kontrast zu den Betonsäulen bunter, aufsteigender Stoffschlauch, der an eine Windhose erinnert. Oder die große, aus Hausstaub und Zellstoff gefertigte graue Maus von Thorsten Streichardt. Drei Meter hoch und zehn Meter lang ist das Tier, das übrigens nicht nur von Kindern gern berührt wird. Im Tunnel Richtung Kanzleramt zeigt eine Videowand gruselige und fast Schwindel erregende Tunnel-Fahrten, die an eine Geisterbahnfahrt erinnern, ein „greiser Blitz“ aus Aluminium wirkt vergleichsweise rätselhaft, und mitunter fragen sich die Besucher, wo hier im Rohbau die Kunst beginnt. Wenn etwa leere Bierflaschen herumstehen oder eine Hose auf einem ausgerollten Rasenstück ausgebreitet ist, hilft oft nur der Blick in den Katalog bei der Erklärung.

Vieles ist hell erleuchtet, anderes schimmert im Halblicht, und irgendwann endet ganz zwangsläufig der Bahnhofsrundgang. Dann zeigen Absperrgitter vor nackten Tunnelröhren, dass die „Ausstellungshalle“ eigentlich einen anderen Zweck haben soll: Irgendwann mal ein richtiger Bahnhof der Linie 5 zwischen Alex und Lehrter Bahnhof zu sein. Christian van Lessen

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