Berlin : Im Zauberwald

Durch Schleusentore ins Labyrinth aus Wasserläufen mit Biergärten und einer Wildnis wie im Dschungel. Der Spreewald fasziniert Bootsfahrer und Radler – und überrascht sie mit unheimlichen Begegnungen

Claus-Dieter Steyer

Es knackt im Unterholz. Sofort gehen die suchenden Blicke vom Picknickplatz in den Wald. Nichts rührt sich. Da erhebt sich eine Frau aus der Gruppe. Sie tippt ihrem Begleiter mit der Hand auf die Schulter und zeigt zur Lichtung. Hat sich da nicht gerade etwas bewegt? Nach einer Weile müssen die Ausflügler lachen. Viel zu leicht haben sie sich von dem älteren Herrn Angst vor dem dunklen Hochwald einjagen lassen. „Im Spreewald“, so hatte der Einheimische die muntere Radlergruppe auf dem Weg vom Dorf Straupitz zur stillgelegten Kanow-Mühle zuvor gewarnt, „leben noch viele geheimnisvolle Wesen.“

Er hatte wohl gedacht, mit den Gästen aus der Großstadt leichtes Spiel zu haben. Die reagierten aber mit Humor. „Wo sollten denn in diesem Touristentrubel irgendwelche Sagengestalten überlebt haben?“, hieß es. „Die Touristen auf den Kähnen, in Kanus oder auf den Rädern vertreiben doch alle Geister.“ Doch der Spreewälder ließ nicht locker. Gerade rund um Burg, wo sich die vielen Gäste im Unterschied zu Lübbenau oder Lübben gut in der Landschaft verteilen, sei mit unheimlichen Begegnungen zu rechnen.

Überschwenglich erzählte er vom Wendenkönig, der ein wenig wie Robin Hood mit seinem Gefolge durch die Sümpfe reitet, von der Mittagsfrau, die im besten gewerkschaftlichen Sinne schon vor Hunderten von Jahren peinlich genau auf die Einhaltung von Pausen bei der Feldarbeit achtete, vom Wassermann, Zauberern und Zwergen. Am Ende faszinierte der fidele 84-Jährige mehr als seine vielen Geschichten. Dennoch schaffte es der Mann, dem Spreewald neue spannende Seiten abzugewinnen. Die Gegend bietet tatsächlich viel mehr als das bekannte Bild von einer Kahnfahrt mit überwiegend älteren Gästen auf einem romantischen Wasserweg. Diese Fotos bestimmen zwar noch immer die überregionale Werbung für Brandenburgs bekanntestes Touristenziel. Aber im härter gewordenen Wettbewerb mit anderen Urlaubsregionen genügen die Kahnfahrten allein nicht mehr. Das haben vor allem junge Unternehmer wie der Hafenmeister im Burger Spreehafen, Dirk Meier, erkannt. Der einstige Weltmeister im Bahnradvierer von 1989 bemüht sich, den Spreewald auch als Radlerparadies populär zu machen und gibt entsprechende Tipps, zum Beispiel für die Radtour durch den geheimnisvollen Hochwald.

„Der ist ein richtiges Naturreservat ohne menschliche Eingriffe“, schwärmte Meier. So eine reiche Natur- und Pflanzenvielfalt gebe es in Europa selten. Wie der anschließende Test zeigte, hatte der Hafenmeister nicht zu viel versprochen. Zwar zwang der schmale und mitunter durchnässte Weg entlang der Hauptspree zum langsamen Radeln, aber die Einblicke in den wie aus dem Lehrbuch stammenden Mischwald machten die Mühen mehr als wett. Unterwegs traf die Gruppe sogar hier auf einem einsamen Spreearm nicht vermutete Kanufahrer. Die drei jungen Leute mit unverwechselbar sächsischem Akzent fanden diese Route abseits der bekannten Touristenwege durch den Tipp eines Einheimischen. Als sie aber davon erzählten, wie ein älterer Herr sie vor bösen Geistern und einem Wendenkönig gewarnt habe, begann auf Seiten der Radler das Lachen. „Alles schon bekannt, alles schon gehört.“ Doch den Paddlern saß der Schreck einer merkwürdigen Begegnung noch in den Knochen. Zwei dunkle Wesen seien wie aus heiterem Himmel kurz vor ihnen von Ufer zu Ufer gesprungen. Erst eine Weile nach dem Spektakel hätten sie sich darauf geeinigt, statt irgendwelcher Geister nur harmlose Rehe gesehen zu haben. Der Spreewald ist eben ein zauberwald – und immer für Überraschungen gut.

Damit das so bleibt und der ganze Reiz der Landschaft nicht verloren geht, braucht die Region vor allem eins: einen Zuwachs an Touristen. Sie bringen das dringend benötigte Geld in die Dörfer und kleinen Städte. Die Wildnis im Hochwald wächst zwar von allein, aber auf Feldern und Wiesen wäre so ein ungezügeltes Blühen und Sprießen fatal. Dann würde der von Radlern, Kanuten und Spaziergängern so geschätzte Kontrast zwischen Wald und Landwirtschaft entlang des Labyrinths der unzähligen Wasserwege fehlen. Da aber die vielen Gurken- und Erdbeerfelder, die Gemüsebeete und Weiden von einzelnen Kleinbauern bewirtschaftet werden, reichen die Erträge im Unterschied zu DDR-Zeiten längst nicht mehr zum guten Überleben aus. Die landwirtschaftliche Konkurrenz arbeitet auf viel größeren Flächen und daher erheblich preiswerter.

So geben die Einheimischen notgedrungen ihre Höfe auf, und die Kinder verlassen auf der Suche nach lukrativen Jobs ihre Heimat. Die Folgen sind dramatisch. Unbestellte Felder wachsen zu, am Ende erleben die Touristen nur noch einen undurchdringlichen Dschungel.

Es fehlt nicht an Ideen, das zu verhindern. Die reichen vom „Spreewald-Euro“, den jeder Gast beim Gastwirt, Hotelier oder Kanuverleiher zu zahlen hätte, bis hin zur erhöhten Kurtaxe pro Übernachtung. Das Geld würde der Landschaftspflege und als Hilfe für die Bauern dienen.

So manchen Touristen könnte man damit aber auch abgeschrecken. Viel verlockender und zukunftsträchtiger sind die neuen Angebote von Touristikfirmen wie der Radakademie Spreewald. Sie bietet mehrtägige Touren per Rad und Kanu von Ort zu Ort an und organisiert sogar den Gepäcktransport.

Ihren Gästen verraten die Führer die schönsten Ecken – und plaudern dabei auch ein wenig über mögliche Begegnungen mit sagenhaften Gestalten.

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