Berlin : Im Zeichen der Nudeligen Heiligkeit

Satirische Protestierer, nörgelnde Touristen Visite Benedikts XVI. war das Thema in der Stadt

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Rosa trug Rot. Auch Filmemacher Rosa von Praunheim marschierte in der Anti- Papst-Demonstration mit. Foto: Peters
Rosa trug Rot. Auch Filmemacher Rosa von Praunheim marschierte in der Anti- Papst-Demonstration mit. Foto: PetersFoto: Guenter Peters

ALLES GLÄNZT

Die Stadt scheint vielen Berlinern heute in anderem Licht zu erscheinen. Alles wirkt so hell, sauber und freundlich. Hat die Stadtreinigung für den Besuch Extra-Schichten eingelegt? Sabine Thümler von der BSR dementiert: „Nein, die Straßenkehrmaschinen sind sowieso jeden Tag in der Stadt unterwegs. Zusätzlich haben wir auf der Strecke, die der Papst passiert, auf Ansage der Polizei die Gullis ausgesaugt, bevor sie versiegelt wurden, und die Papierkörbe abgehängt. Aber wegen der Demo am Bebelplatz werden wir wohl hinterher putzen müssen.”

TOR ZU

Am Brandenburger Tor haben die Anti-Konflikt-Teams vor allem einen einzigen Konflikt zu bewältigen: Die Touristen können nicht durchs Tor – Enttäuschung, weil sich die Realität nicht den Versprechungen der Reiseführer fügt und der Reichstag so unerreichbar ist wie der Mond. Die Polizisten erklären und deuten Stadtpläne, tun ihr Bestes, das manchmal nicht gut genug ist. „Ist ja ein Ding“, feixt einer, „muss ich mir hier meine Stadt erklären lassen!“

VOLL GENERVT

Die Warnungen an die Autofahrer haben jenen, die auf sie gehört haben, sicher geholfen. Die anderen sind die, die heute den Tag über in den Staus rund um die Innenstadt verzweifelt sind – Friedrichstraße, Invalidenstraße, Torstraße, meist ging gar nichts mehr, und auch garantiert geheime Schleichwege erwiesen sich als Staufallen ersten Ranges. Auch viele Nicht-Autofahrer waren genervt: Vom Stau, vom Aufwand, sogar von den Kosten des Besuchs. So wie die beiden älteren Damen, die extra aus Steglitz mit dem Rad angereist sind zum Brandenburger Tor. Oder zumindest in die Nähe. „Das ist alles grausam teuer“, sagen sie, wollen mit ihrem Protest aber lieber anonym bleiben, man weiß ja nie. Stephan Mühlan ist da weniger empfindlich. Er ist Rikschafahrer und macht kein Geschäft: „Das ist ein verlorener Tag für uns.“

JA ZUM LEBEN

Potsdamer Platz, 12 Uhr mittags: Von Demonstrationen gegen den Papst ist noch nichts zu sehen, kein Wunder, es soll ja auch erst vier Stunden später losgehen. Gute Gelegenheit für zwei junge Leute, ihr Pro-Papst-Anliegen loszuwerden: An einen Laternenmast haben sie ein gestricktes „Ja“ und zwei grüne Babysöckchen gehängt, um ihren Protest gegen Abtreibungen deutlich zu machen.

DEMO DER HEIMKINDER

Meinungsstarke Auftritte auch am Pariser Platz, der wie immer von neugierigen Touristen belagert wird; nicht wenige werden offenbar erst durch die Absperrungen zum Regierungsviertel hin auf den Staatsbesuch aufmerksam. Eine Initiative von ehemaligen Heimkindern ist mit einer überlebensgroßen, schon mehrfach genutzten Papp-Nonne angerückt, die in der Linken ein Kreuz, in der Rechten einen Stock hält. Am Potsdamer Platz hat sich Eckard O. eingefunden. Er sitzt am Eingang zur S-Bahn neben seinem Transparent, auf dem steht: „Ich bin ein Priesterkind, war 14 Jahre im Heim und wurde sexuell missbraucht.“

TRANSPARENTE GRÜSSE

Gegenüber der Nuntiatur in der Lilienthalstraße in Kreuzberg zeigen Anwohner mit Transparenten auf dem Balkon, was sie von dem Besuch halten: „Willkommen im Gottesstaat“ steht dort, und „You’re not welcome“. Andere geben sich gastfreundlicher: Auf einem anderen Balkon flattern gelbe und weiße Ballons im Wind, in den Farben des Vatikans.

PROTEST MIT HUT

Die beiden Papst-Gegner sind empört. Sie tragen ihre Hüte mit durchgestrichenem Papst-Konterfei und sind auf dem Weg Richtung Potsdamer Platz. Dass Wulff die Probleme anspricht und der Papst nur sage, „Freiheit braucht Religion“, regt die beiden auf.

AUFZUG MIT SPAGHETTIMONSTER

Am Potsdamer Platz haben sich gegen 15.30 Uhr mehrere hundert Menschen versammelt, die Vorhut der Anti-PapstDemo. Unter ihnen sind die Pastafaris, die Anhänger Seiner Nudeligen Heiligkeit, des „Fliegenden Spaghettimonsters“. Sie glauben zwar nicht wirklich dran, illustrieren ihre satirische Religionskritik aber mit einem Monster, gebastelt aus Heliumballons. Zur Demonstration soll es fliegen, beherrscht also eine Fertigkeit, die dem Papst abgeht. Neben dem Monster nehmen etwa 800 Menschen am Demonstrationszug zum Bebelplatz teil. Man sieht mehrere Verdi-Fahnen, und auch die in diesem Rahmen sonst eher nicht gelittene FDP darf mittun, sie hat offenbar auch bekennende Papstgegner in ihren Reihen. Ein Ansatz für kommende Wahlen?

BEGEHRTE SOUVENIRS

Am Olympiastadion gehen die ProPapst-Souvenirs wie geschnitten Brot. T-Shirts, Jacken und Mützen mit der Aufschrift: „Wo Gott ist, ist Zukunft“ sind begehrt, Last-Minute-Rosenkränze ebenso. Tassen und Kerzen gibt es nach der Messe, die Sicherheit. Jörg Woltmann, der Chef der Königlich-Preußischen Porzellanmanufaktur, plaudert schon aus, was der Papst am Abend geschenkt bekommt: eine Sonderanfertigung des Brandenburger Tors aus Porzellan, übergeben von Klaus Wowereit. Um Bruch zu vermeiden, wurde es in einer Limousine ins Stadion gebracht. Bernd Matthies

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