Berlin : Im Zentrum blüht die Ödnis

Der Schlossplatz ist Abstellplatz und Müllhalde. Das soll sich ändern. Mittwoch wird eine Studie über die Zukunft des Ortes vorgestellt

Sven Goldmann

Alle zehn Minuten fährt ein Reisebus auf den Werderschen Markt und stellt sich vor das ehemalige Staatsratsgebäude. Der Bus ist oben offen, so dass man den Touristen schön beim Staunen zuschauen kann. Erst schaut das Publikum hinüber auf die attraktive Randbebauung, bestehend aus Zeughaus, Dom und Kronprinzenpalais. Dann wenden sich die Köpfe der Öde im Zentrum zu: dem Skelett des Palastes der Republik, den riesigen Stahlträgern vor den parkenden Autos, dem Metallzaun, den gleichmäßig verteilten Bierflaschen und Zigarettenkippen. Schweigen im Bus.

Immerhin, das soll nicht auf Dauer so bleiben. Am Mittwoch stellen Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, Bauminister Manfred Stolpe und Kulturstaatsministerin Christina Weiss eine neue Studie über die Zukunft des Schlossplatzes vor. Der Bundestag hat die Errichtung eines Gebäudes auf dem Grundriss des vor 55 Jahren gesprengten Stadtschlosses beschlossen, wenn möglich hinter der historischen Fassade. Spekuliert wurde über Büros und Einkaufszentren, doch die besten Chancen hat derzeit ein nationales Kulturzentrum. Dem Tagesspiegel hat Manfred Stolpe bereits anvertraut, er träume von einem deutschen Louvre.

Bis zur Verwirklichung dieses Traumes wird es ein Weilchen dauern. Es fällt schwer, sich den Schlossplatz des Jahres 2005 als Ort blühender Kulturlandschaften vorzustellen. Das den derzeitigen Geist des Platzes widerspiegelnde Kunstwerk steht auf einem Sockel zwischen Spree und Palast der Republik. Es ist ein Ensemble von fünf unterschiedlich großen Steinquadern, arrangiert mit drei Brettern, überragt von einem gut zwei Meter hohen Quader aus einem Marmor-Imitat, das der Künstler eifrig mit einer Spraydose verschönert hat. Inhaltlich wird das Werk geprägt durch den Vers „Fuck the police“.

Ein paar Meter weiter wird gebaut, nicht am Schloss, sondern an der Wiederherstellung der gebotenen Leere. Am Wochenende hat hier ein Kinderfest stattgefunden, jetzt fahren LKWs vor, räumen ab und lassen auch etwas zurück, Buddelsand, Holzbohlen, Plastikflaschen. Der Schlossplatz im Spätsommer 2005 ist ein Gesamtkunstwerk mit allem, was Berlin so unverwechselbar macht: mit frei laufenden Hunden oder platt getretenen Bierdosen. In der Luft hängt der Geruch von Ammoniak, was wohl auch damit zu tun hat, dass der Schlossplatz ein Dixieklo-freies Territorium ist. Auch die Wohnmobile, vor zwei Jahren durch eine konzertierte Aktion von Polizei und Bezirksamt mit Verbotsschildern und Pollern vertrieben, sind wieder da. Sie kommen aus ganz Europa, aus Holland, Kroatien, Schweden, Frankreich und Italien. Caravan reiht sich an Caravan, und alle halten sie sich an die Regeln. Das heißt, fast alle. Der einzige Wohnmobilbesitzer, der kein Kurzparkticket am Automaten gezogen hat, kommt aus dem Schwarzwald.

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