Berlin : Im Zoo war der Bär los

Brillenbär Juan floh aus seinem Freigehege und erkundete den Spielplatz. Eltern und Kinder schauten zu, verletzt wurde niemand

Annette Kögel

Bislang kannte Finn Elias vor allem einen Bären: „Balu vom Dschungelbuch.“ Am Sonntagnachmittag kam dem Vierjährigen aus Prenzlauer Berg ein leibhaftiger Artgenossen recht nahe: Juan. Der über 100 Kilo schwere Brillenbär war aus seinem Freigehege im Zoo entwischt und hatte sich rund eine halbe Stunde über den Kinderspielplatz getrollt. Die Besucher blieben ruhig, verletzt wurde niemand. Der ursprünglich in Südamerika heimische Bär wurde von einem Tierarzt mit einem Schuss betäubt und dann von sechs Mitarbeitern zu seinem Gehege getragen.

Zum Zeitpunkt des unerwartetet Freigangs am Nachmittag waren rund 2500 Gäste im Zoo, sagt der stellvertretende Direktor, Heiner Klös. Im Freigehege können sich die Tiere die Zeit an Felsen und Kletterbäumen vertreiben. Der in einem Schweizer Zoo aufgewachsene Brillenbär habe schon seit Tagen mit einem Baumstamm im Wassergraben gespielt, hatte eine Dauerbesucherin beobachtet. Gestern nun balancierte Juan auf dem Stamm im Graben und zog sich an der Mauer hoch. Die Tatzenspuren waren im Sand vorm Gehege gut zu erkennen. „Erst ist der Bär wieder kurz zurück ins Gehege“, sagt die Mutter von Finn Elias, Miriam Nicolai. Doch dann besann sich das Tier und begab sich auf Erkundungstour auf den Spielplatz: rauf auf die Rutsche, am Klettergerüst hochgestemmt, eine Runde auf der Drehscheibe – die Menschenmenge neugierig mit Sicherheitsabstand um ihn herum versammelt. Schließlich wühlte Juan in Papierkörben und zerlegte einen – da war was zu fressen drin.

Die Männer vom Imbiss hatten derweil die Notrufnummer der Zoo-Direktion gewählt. Ein Dutzend Mitarbeiter sperrten unauffällig Türen und Zäune in der Umgebung, der Einlass wurde vorübergehend dicht gemacht. „Wenn so was passiert, muss man vor allem eines tun: Ruhe bewahren“, sagt Zoo-Vizechef Klös. Brillenbären ernähren sich in freier Wildbahn vor allem von Beeren und Kleingetier, in Gefangenschaft bekommen sie Fleisch, Obst, Gemüse. Wenn sie sich bedroht fühlen, etwa durch hektische Reaktionen und lautes Geschrei, können solche Wildtiere auch auf Menschen losgehen. Doch im Zoo wurden Familien zur Ruhe angehalten – und Juan abgelenkt: Mitarbeiter stellten ihm ein Fahrrad in den Weg. Der kleine Finn Elias hatte sich auf dem Mast-Ausguck in Sicherheit gebracht. „Alle waren sehr bedächtig“, meint die Mutter von Finn Elias. Das sagen auch andere Augenzeugen: es gab keinerlei Panik. Der Bär habe unwillig reagiert, als Zoo-Angestellte ihn mit einem Besen wegschoben. Ein Mann sagte dem Tagesspiegel, er habe sich gewundert, dass rund 20 Minuten lang kein Zoo-Angestellter zu sehen war und nur die Imbiss-Mitarbeiter am Spielplatz gewesen seien. Der Tierarzt setzte dort den Betäubungsschuss, sechs Männer schleppten das Tier hinter Gitter.

Wird die Mauer nun erhöht, der Kletterbaum gefällt? „Nein“, sagt Klös. Das Bärengehege mit drei Brillen- und einem Kragenbären gibt es seit 1968, bislang sei noch nie etwas passiert. Wenn man Tiere auf einem Freigelände so artgerecht wie möglich hält, „dann muss man ihnen Dinge anbieten, mit denen sie spielen können“, sagt Klös. „Aber wir werden den Wassergraben jetzt genau untersuchen.“ Für Zoos und Tierparks sei es nichts außergewöhnliches, dass Tiere auch mal entkommen, meint Klös. Vergangenes Jahr unternahmen Makakenaffen aus dem Tierpark einen Ausflug, im Zoo machte sich jüngst Gorilla Bokito selbstständig.

Mit Bär Juan hätte sich Finn Elias am liebsten länger beschäftigt. „Ich hätte gern mit ihm gespielt“, sagt der Junge. Er sollte lieber mit Balu Vorlieb nehmen.

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