Berlin : Im Zug der Zeit

Den neuen Hauptbahnhof kann man als Reisender nutzen oder aus Neugier besichtigen Und jetzt auch gleich mehrfach ins Bücherregal stellen

Klaus Kurpjuweit

Schon ist er aus der Stadt gar nicht mehr wegzudenken, der neue Berliner Hauptbahnhof. Seit 28. Mai halten dort täglich mehr als tausend Züge; auch 80 Geschäfte und Restaurants locken Besucher an. Und viele kommen nur, um den Glaspalast an der Spree zu bewundern, in dem sich die oberirdische Ost-West- Stadtbahn und die neue unterirdische Nord-Süd-Strecke kreuzen. So ist der größte Turmbahnhof Europas entstanden – mit Schienen 15 Meter über der Erde und 15 Meter darunter. Wer erinnert sich beim Bummeln durch den Bahnhof noch daran, unter welch schwierigen Bedingungen der nach Ansicht der Bahn modernste Bahnhof der Welt entstanden ist? Mehrfach musste der Eröffnungstermin verschoben werden. Erst acht Jahre nach der Grundsteinlegung war der Superbau schließlich fertig.

Der Industrie- und Werbefotograf Roland Horn hat das Entstehen in seinem Buch „Berlin Hauptbahnhof“ (Nicolaische Verlagsbuchhandlung) mit eindrucksvollen Bildern dokumentiert. Als Taucher in den mit Grundwasser gefüllten Baugruben unter Wasser die Tunnelsohle des Bahnhofs betonierten, war Horn mit seiner Kamera ebenso dabei wie später auf dem Kran, als der Bahnhof langsam in die Höhe wuchs. Technik und Menschen hat er so festgehalten; am Anfang in Schwarz-Weiß-Bildern, später auch in Farbe, weil ihn der Bahnhof so beeindruckt hat.

Schwierigkeiten gab es nicht nur am komplizierten Bau, sondern auch für Horn. Die Bauleute mochten es überhaupt nicht, dass er ihnen auf der Baustelle folgte und regelmäßig im Weg stand. Beinahe wäre das Projekt nach dem erfolgreichen Anfang gescheitert; erst durch die Unterstützung in der Konzernspitze der Bahn konnte Horn bis zum Ende durchhalten. Es hat sich gelohnt.

Wem die Fotos nicht reichen, der kann auch nachlesen, wie der Hauptbahnhof geplant und gebaut wurde: Erich Preuß hat die Baugeschichte des Bahnhofs und des dazugehörenden Nord-Süd-Tunnels zusammengefasst und spart dabei auch nicht mit kritischen Bemerkungen der Bahn gegenüber („Berlin Hauptbahnhof“, Transpress-Verlag Stuttgart, 160 Seiten, 141 Abbildungen, 29,90 Euro). Zum Beispiel, wenn es um den Bahnhof Zoo geht, in dem die Bahn seit Eröffnung des Hauptbahnhofs keine Fernzüge mehr halten lässt. Die Bahn behauptet, der Zoo sei nie als Fernbahnhof geplant, sondern nur durch die Teilung Deutschlands dazu geworden. Erich Preuß widerspricht – zu Recht. In Wirklichkeit hatten dort seit 1884 Fernzüge gehalten.

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Auch die Bahn selbst hat ein Buch herausgebracht. Der Band „Bahnmetropole Berlin – Die neue Nord-Süd-Verbindung“ wendet sich vor allem an Fachleute und an Laien, die es ganz genau wissen wollen (Eurailpress Tetzlaff-Hestra, Hamburg, 192 Seiten, 38 Euro). So erfahren sie von Projektleiter Hany Azer alles über Senkkästen, Schildvortrieb und Spreeverlegung sowie die „Besonderheiten der Schildfahrt durch den Berliner Untergrund“ beim Tunnelbau. Andere Experten beschreiben das Masse-Feder-System beim Gleisbau oder die feste Fahrbahn im Tunnel. Hier bleibt fast keine – technische – Frage unbeantwortet. Nach der Lektüre versteht man, dass der Hauptbahnhof wirklich ein ganz besonderes Bauwerk ist.

— Roland Horn: Berlin Hauptbahnhof. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin, 176 Seiten, 50 farbige und 100 Abbildungen in Duotone, 29,90 Euro.

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