Berlin : Im Zwölf-Kolben-Takt

Beim Konzert mit Harley-Davidson steht in der Partitur: Aufheulen, Fehlzündung, Blinker

Thomas Loy

Sven Ake Johannson nähert sich gemessenen Schrittes dem Dirigentenpult. Der hagere Komponist scheint in sich vertieft, lächelt nicht, zwinkert nicht ins Publikum. Es wird still, bis auf eine freche Möwe. Johannson hebt seinen rechten Zeigefinger, zielt auf einen der Musiker, die alle diese Angeber-Sonnenbrillen tragen. Die linke Hand von Johannson macht nun eine sehr elegante, sehr markante, eine für die gesamte Komposition charakteristische Drehbewegung. Sie bedeutet: Motor anlassen.

Schrumm-flap-flap-flap-flap.

Die Welturaufführung des „Konzertes für MC (Harley Davidson) und gemischten Chor“ auf dem Parkdeck der „Spandau-Arkaden“ hat begonnen. Das ist hier jetzt kein Trash, sondern ganz eindeutig Musik, versichert Kurator Christoph Metzger, angelehnt an den Futurismus. Das Konzert mit 12 Harley-Davidson-Motorrädern als Klangkörper sei Schluss- und Höhepunkt des „Conceptualism“-Festivals der Akademie der Künste. (Darin war Avantgarde-Künstler Johannson bereits mit einem Konzert für Handfeuerlöscher vertreten.)

Der Dirigent hat keine Partitur vor sich liegen, sondern einen nüchternen Ablaufplan - zum Beispiel Ziffer 10: „Alle mit kurzem Aufheulen einzeln auf Zeichen.“ Das Publikum – vor allem Künstler und Biker – ist amüsiert bis irritiert. BMW-Fahrer Rainer Poploth fällt zu Johannsons Werk nur ein: „Katastrophal“. Ihn stört, dass die Motoren die ganze Zeit im Leerlauf tuckern müssen. Eine Harley klinge doch erst richtig, wenn der Motor den Widerstand der Straße niederkämpfen muss.

Auch einige Harleys reagieren verschnupft: Nummer 3 blinkt Alarm. „Batterie leer“, sagt der Musiker, der auf ihr sitzt. Das erfolglose Kickstarten bei Nummer 4 führt immer wieder zu Misstönen. Nummer 11 würgt sich gelegentlich selbst ab. Die 1. Geige, Nummer 6, läuft dagegen einwandfrei.

Nach Johannson kommt Dieter Schnebel (zuletzt „Kammermusik mit Spielautomaten“) ans Pult. Schnebel hat vor sich ein richtiges Blatt mit Notenlinien, allerdings gibt es keine Achtel, sondern „Fehlzündungen“ oder „Blinker an“. Der Maestro hat den Harleys eine Trompete beigegeben, die sich bemüht, wie ein Motorrad zu schrammeln. Bei Schnebel dürfen die Harleys endlich mal zeigen, was sie können: Hupen, Licht an (Nummer 4 und 5 versagen den Dienst) und endlich eine Runde drehen. Biker Poploth ist etwas erleichtert. „Schon besser.“

So richtig Harley-Feeling kommt erst beim dritten Klangmeister auf: Simon Stockhausen, bedeutend jünger als seine Mistreiter. Er lässt die Harleys auf einem euphorisierenden elektronischen Klangteppich über das Parkdeck gleiten, dirigiert nicht nur die Gashebel, sondern auch die tänzerisch-choreographische Ausdruckskraft einer Harley-Stafette. „Drivin on my Harley“, heißt sein Werk. Das Publikum fährt voll drauf ab.

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