Berlin : Image-Tüftler

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Von Hermann Rudolph

Stanislaw Tillich ist eine Ausnahme. Nicht nur weil der Minister, der in Berlin Sachsen vertritt, Sorbe ist, also Angehöriger der kleinen slawischen Minderheit in der Lausitz, für die die restlichen Deutschen sich bestenfalls wegen ihres Brauchtums interessieren. Er hat, so sagt der Anfangsvierziger, die „umgekehrte Biographie“. Die meisten seiner Kollegen in den Landesvertretungen kommen aus den Landtagen oder Landesregierungen und erhalten dann noch – weil es sich so eingebürgert hat – die Zuständigkeit für Europafragen. Anders Tillich: Der Vormann der Sachsen in Berlin kommt aus dem Europäischen Parlament.

Der dunkelhaarige, lockere und selbstbewusst wirkende Tillich hat eine verblüffende Laufbahn hinter sich: Mit dreißig Jahren Mitglied der letzten, demokratisch gewählten Volkskammer, dann der Sprung – über den Abgrund der DDR-Europa-Ferne hinweg – ins Europaparlament. Zuerst, sagt Tillich und grinst ein wenig, war es ein „Abenteuer“. Am Ende war er – noch nicht vierzig Jahre alt – Berichterstatter der Volkspartei CDU für den Haushalt, eine Schlüsselrolle. Nun setzt er sein Erfolgsbewusstsein ein, um in Berlin Sympathien für Sachsen zu gewinnen – gegen die Erinnerung im Osten, nach der die Sachsen die „fünfte Besatzungsmacht“ waren, gegen die Ahnungslosigkeit im Westen, der bei Sachsen vor allem Walter Ulbricht einfällt.

Nun ist Tillich nicht gerade ein Typ, der unter Verdrückungen leidet. Er ist sich sicher, dass Sachsen in dem vielstimmigen Konzert der Bundesländer längst einen „respektierten n“ hat. Andererseits kann die sächsische Vertretung nicht aus dem Vollen schöpfen, der Wettbewerb auf dem Berliner Veranstaltungsmarkt ist hart, und das Publikum wird anspruchsvoller. Tillich will das Dilemma lösen, indem er das Unverwechselbare des Landes hervorkehrt. Er ist aber auch überzeugt davon, dass Sachsen etwas zu bieten hat. Zum Beispiel seine Vergangenheit: Sachsen war doch, sagt Tillich, mit seinen Erfindern und Gründern das Kernland der deutschen Industrialisierung. Mancher bayerische Mittelständler sei heute noch froh, „wenn er unter den Mitarbeiter ein paar Tüftler aus Sachsen hat“.

Die Beispiele fallen nicht weit vom Stamm: Tillich, studierter Konstrukteur, gehört zum Ingenieurs-Zweig der neuen ostdeutschen Elite.

Für diese Sympathiewerbung hat Sachsen in Berlin keinen schlechten Ausgangspunkt. Die sächsische Landesvertretung ist die einzige, die von sich sagen kann, dass sie ihren Sitz im alten Berlin hat, in der Brüderstraße – daneben befand sich einst Wilhelm Raabes Sperlingsgasse, bevor sich der DDR-Städtebau über die Reste des alten Stadtkerns hermachte. Zwar ist das Haus kein Vorzeigestück Berliner Geschichte wie die Nebenhäuser, Galgenhaus und Nikolaihaus, aber es hat Charakter. Eine Versicherung hat ihm 1910 seine jetzige Gestalt gegeben. Also gibt es reichlich Holzpaneele, Stuckdecken im Vestibül, Bleiverglasung im Treppenhaus, und ein zartes Grün – etwa in dem Zimmer, das dem Ministerpräsidenten vorbehalten ist – schlägt diskret den Bogen zu den weiß-grünen Landesfarben.

Sachsens Landesvertretung kann noch nicht auf die Traditionen westdeutscher Vertretungen zurückblicken. Ja, irgendwie fehlt es der Arbeit für Sachsens Glanz sogar an – Sachsen, an Mitarbeitern mit dem landsmannschaftlichen Stallgeruch. Auch zwölf Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es noch nicht genügend geeignete Beamte aus dem Land. Dienststellenleiter Fred Heidemann und Pressereferent Christian Hoose sind Wessis: Der eine stieß in Bonn dazu, der andere kommt aus dem Auswärtigen Dienst und ist nach zehn Jahren im Dresdner Landtag nach Berlin gekommen.

Aber die Sachsen gehen unverkrampft mit diesem Problem um. Wenn es eine Bestätigung dafür brauchte, dann liefert sie die Ernennung Heidemanns zum Bevollmächtigten des Landes, nachdem Tillich in der neuen Regierung Milbradt auch noch die Leitung der Staatskanzlei übernommen hat. Heidemann hat bereits die Landesvertretung in Bonn aufgebaut und weiß, wie schwer es ist, ein lange verborgenes – und verbogenes – Image wieder aufzupolieren. Das sollen nicht zuletzt Ausstellungen zu Landschaften und Gewerbe leisten, die die Besucher an das Land heranführen – im Moment das Erzgebirge. Gelegentlich leistet man es sich auch etwas Besonderes, indem man zum Beispiel die Palucca-Schule in Berlin präsentiert – eine Dresdner Institution des freien Tanzes vor allem Tanztheater.

Zukunft und Vergangenheit? So soll es wohl sein. Hinter den Veranstaltungsaal haben die Sachsen deshalb ein Wandbild gehängt, dass das Wort „weiter“ zur Wirkung einer endlosen Landschaft werden lässt. Doch gegenüber hängt zweimal das Dresdener Elb-Panorama, vielleicht das am häufigsten gemalte Motiv der Kunstgeschichte. Der Künstler heißt Bernhard Kretschmar. Wie kaum ein anderer verkörpert er die Dresdner Schule. Von ihm kann man – wie von Werner Heldt in Berlin – sagen, dass er in Sachsen weltberühmt ist.

SERIE (8) : LÄNDERVERTRETUNGEN IN BERLIN

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