Immer am Zug : Ein Leben am Schachbrett

Jan ist 29, obdachlos. Jeden Tag sitzt er auf dem Lehniner Platz – vor ihm ein Schachbrett. Er lädt Passanten zum Spiel ein. Um deutsch zu lernen. Denn er hat eine Geschichte zu erzählen.

von
Ein Leben am Schachbrett. Jan hockt gegenüber der Schaubühne, vor einem mit Graffiti beschmierten Stromkasten. Geboren ist er in Ostrava, Tschechien. Foto: David von Becker
Ein Leben am Schachbrett. Jan hockt gegenüber der Schaubühne, vor einem mit Graffiti beschmierten Stromkasten. Geboren ist er in...

Dies ist auch die Geschichte eines Mannes, der aus dem sechsten Stock eines Hochhauses gefallen ist. Jan, 13 Jahre alt, steht am Fenster der Wohnung seiner Eltern. Es ist kalt. Er blickt in die Tiefe, bis alles um ihn herum schwarz wird. Er fällt, die Augen sind geschlossen. Den Aufprall spürt er schon nicht mehr. Als er die Augen wieder öffnet, schaut er in das Stethoskop-Lächeln eines Arztes, in das Gesicht seiner Mutter, schockfahl. Wie viele Stunden vergangen sind, weiß er nicht. Jan kann sich kaum erinnern. Nur an das geöffnete Fenster. Er hat den Sturz überlebt, aber das rechte Bein ist zertrümmert, drei Schrauben stecken unterhalb des Knies. Es sei ein Wunder, sagt der Arzt. Und alle im Krankenzimmer nicken, bekreuzigen sich. Ein Wunder. Für Jan aber ist es mehr. Der Sturz, sechzehn Jahre ist er jetzt her, ist der Beginn seiner Geschichte. Es kann so gewesen sein, oder auch anders, aber am Ende hat ihn diese Geschichte nach Berlin gebracht. An den Kurfürstendamm.

Jan, 29 Jahre alt, geboren in Ostrava, Tschechien, sitzt vor einem mit Graffiti beschmierten Stromkasten am Lehniner Platz, gegenüber der Schaubühne,  wo die Theatervorstellungen mit einer Weißweinschorle beginnen, auf einer Reisetasche, in der er seine Kleidung verstaut hat. Pullover gegen die Kälte, ein zweites Paar Schuhe, Socken, und eine Tüte Brot. Vor ihm liegt ein Schachbrett aus Kunststoff, dünn wie ein Frühstücksset, die Figuren sind sorgfältig aufgestellt, warten auf das nächste Spiel. Mehr besitzt er nicht. Weil Jan, wie er sagt, gar nicht mehr besitzen will. Das ist Teil seines Nomadendaseins, das mit dem Sturz aus dem Fenster seinen Anfang genommen hat. Denn entscheidend ist nicht der Fall, entscheidend ist die Landung. 

“Nachdem ich aus dem Fenster gefallen bin, haben die Ärzte gesagt, ich würde nie wieder laufen können”, sagt er und man spürt, dass es ihn anstrengt, sich erinnern zu müssen. Seinem kantigen Gesicht, grob geschnitten wie das einer Comic-Figur, kann man ansehen, wie die Vergangenheit in ihm aufsteigt. “Aber ich habe gekämpft.” Das Bein heilt. Nach sechs Monaten verlässt er das Krankenhaus. Und beginnt, sich mit den Selbstheilungskräften der Psyche zu beschäftigen. “Mind over body”, nennt er das. Er stellt das Leben an sich in Frage, sucht die Einsamkeit, wird aus dem Alltag getragen. Einen Abschluss macht er nicht. Mit 18 lebt er auf der Straße, bald darauf verlässt er Ostrava, bricht endgültig auf in ein Leben ohne Normen, ohne Geld, in einer ständigen Gegenwart, die an keine Zukunft gekoppelt ist. 

Als er gerade nach Berlin gekommen war, hatte er eines jener Schilder aus Karton aufgestellt, die über all dort zu finden sind, wo sich Menschen auf der Straße schlafend in sich selbst zurückziehen. “I want to learn german”, stand auf seinem Schild. Doch die Leute kamen nur selten, um mit Jan zu sprechen oder Schach zu spielen, stattdessen legten sie Münzen auf sein Schachbrett. Irgendwann hat er auch das Schild nicht mehr aufgestellt. Er zuckt mit Schultern. “Ich will kein Geld, ich will mit den Leuten reden, sie kennen lernen.” Hin und wieder aber nimmt sich jemand die Zeit für eine Partie Schach, für ein paar Sätze deutsch oder bringt ihm etwas zu Essen vorbei. Brot, eingeschweißte Wurst vom Discounter. 

Ein Mann nähert sich dem Schachspieler. Die beiden kennen sich, sie haben schon oft gegeneinander gespielt in den vergangenen Wochen. Jan streicht das Spielfeld glatt. Sie spielen. Wortlos und schnell. In wenigen Zügen ist sein Gegenüber Schachmatt. Jan lacht, der andere auch. Dann reden sie, worüber Männer auf der Straße so reden. Über das Wetter, das Leben an sich. Jan spricht langsam, die deutschen Sätze perlen mühsam von seinen Lippen. “Aber du hast Fortschritte gemacht”, sagt der andere und gibt ihm die Hand. Er muss weiter. Bis morgen. Jan nickt. Bis morgen. “Ich hoffe, du bist besser dann”, sagt er noch, dann ordnet er die Figuren. 

Schach hat er von seinem Vater gelernt, also zumindest die Regeln. “Das Spiel habe ich mir selbst beigebracht”, sagt er. Es war ein Zeitvertreib. Doch vor sechs Jahren, als er auf seiner ziellosen Reise durch Europa in Straßburgs gestrandet ist, beginnt er das Spiel noch einmal neu zu lernen. Er spielt jeden Tag, manchmal sechs Stunden am Stück. Gegen Touristen, andere Obdachlose, oder auch sich selbst. Bis er erschöpft einschläft. Er meldet sich in einem Schachklub an, obwohl er, natürlich, kein Geld hat. Doch die Männer im Klub spielen gerne mit Jan. Er darf wieder kommen, ein inoffizielles Mitglied, das mit Geschichten von der Straße bezahlt und spielt eine Zeit lang sogar Turniere. Dann zerbricht die Liebe, die ihn in Straßburg gehalten hat. Und er packt seine Sachen. Ohne Ziel. Wieder einmal. In dieser Zeit findet er Halt in den Leitsätzen der Shaolin. “Der Schmerz ist mein Bruder”, ist einer davon. Er verinnerlicht ihn. Die Shaolin sind auch der Grund, warum er nach Berlin gekommen ist. In Straßburg erzählt ihm ein Freund, dass es dort einen Tempel gibt, in dem man mit den Mönchen meditieren kann. Für Jan klingt das nach dem Ort, den er gesucht hat. Also fährt er nach Berlin. Mit der Hoffnung im Gepäck, endlich Menschen zu treffen, die ihn verstehen. Doch, hier angekommen, bleibt der Tempel für ihn verschlossen. Täglich mit den Mönchen trainieren, kostet 100 Euro im Monat. Er bleibt trotzdem, weil ihn das Schicksal, da ist er sich sicher, hierher geführt hat. Und weil er eigentlich auch keine Wahl hat. 

Der Wind zieht an seinem zerschlissenen Jackett. “Das ist der Anfang Kälte”, sagt Jan. Aber er spürt diese Kälte nicht. Sie macht ihm nichts aus. Mind over Body. Sie ist sein Freund. Er will den Winter in Berlin verbringen, um weiter deutsch zu lernen und hier sitzen bleiben, “bis mich das Schicksal dorthin tritt, wo ich hingehöre.” So lange wartet er einfach, das Gesicht unter seiner Kapuze, den Rücken am Stromkasten und das Schachbrett vor den Füßen, gemeinsam mit den sorgfältig aufgereihten Figuren, auf das nächste Spiel.

 

Autor

7 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben