Berlin : Immer an der Spree lang

Sechs Tage braucht bei normaler Strömungsgeschwindigkeit ein Tropfen Spreewasser, um Berlin zu durchqueren, von der Stadtgrenze bis zur Havelmündung. Zu Fuß sollten die 46 Kilometer schneller zu meistern sein – oder? Unser Autor hat sich auf die beschwerliche Suche nach einem Uferweg gemacht.

Text,Fotos: Jens Mühling

Spaziergänger am Ufer des Dämeritzsees werden manchmal Zeuge eines seltsamen Schauspiels. Ausflugsboote steuern den Mittelpunkt des Gewässers an, verharren einen Moment, machen kehrt. Das Manöver wirkt ziellos, aber es hat seinen Sinn: Der Dämeritzsee ist ein erweitertes Becken der Spree, und genau in seiner Mitte, wo die südöstliche Stadtgrenze verläuft, wird die Spree zum Berliner Fluss. Hier beginnt Spree-Athen.

Die Ausflugsboote fahren nach ihren Wendemanövern in der Regel dahin zurück, wo sie hergekommen sind: Sie steuern in den schmalen Flaschenhals an der Westseite des Sees, um der Spree zu folgen. Als Spaziergänger kann man den Booten nur mit Blicken folgen, nicht mit Schritten. Kein Uferweg säumt den Dämeritzsee, das Gewässer ist rundum bebaut, auch an die Austrittsstelle des Flusses kommt man nicht heran. Sie fängt nicht gut an, die Spree. Ihr Anfang hat keinen Zugang.

Sechs Tage braucht bei normaler Strömungsgeschwindigkeit ein Tropfen Spreewasser, um Berlin zu durchqueren. Zu Fuß, würde man denken, sollte die 46 Kilometer lange Strecke bis zur Spandauer Havelmündung ein bisschen schneller zu meistern sein. Ein paar Umwege wird man einkalkulieren müssen, nicht immer wird man auf gerader Strecke dem Ufer folgen können, aber ein strammer Tagesmarsch, vielleicht zwei davon, sollten reichen. Rechter Fuß vor den linken, linker vor den rechten, die Spree im Blick, los geht’s.

Doch es geht, wie gesagt, nicht gut los. Das einzig öffentlich zugängliche Uferstück auf der Nordseite des Sees ist ein Hotelgelände, von dem aus man lange durch die Nebenstraßen der Siedlung Hessenwinkel irrt, bevor man am nördlichen Flussufer den ersten begehbaren Fitzel Spree erreicht: eine betonierte Sackgasse, die unglamourös vor der Wasserkante endet. Von hier aus kann man, gut hundert Meter stromaufwärts, die Stelle erkennen, wo die Spree aus dem Dämeritzsee austritt, beidseitig eingefasst von weitläufigen Villengrundstücken. Wer das Glück hat, an dieser symbolischen Stelle zu wohnen, ist nicht herauszufinden, Klingelversuche am Gartentor bleiben unbeantwortet. Gut, das Haus ist groß, vielleicht hört man die Klingel im Westflügel nicht so gut.

Die Privatisierung des Ufers, die sich hier abzeichnet, wird weiter wandernd schnell zur Regel: Parallel zum Nordufer verläuft eine Straße, aber zwischen ihr und dem Wasser liegen blickdichte Häuserreihen, Zäune, Hecken, Mauern, Warnschilder. „Kein Zugang“, „Betreten verboten“, „Privatweg“, „Pflichtbewusster Hund“, „Hasso passt auf“, „Hier wacht ein Akita Inu“. Abzweigungen in Uferrichtung locken mit idyllischen Namen wie „Waldstraße“ oder „Inselstraße“, aber sie enden unterschiedslos in parkplatzartigen Sackgassen, an deren verwilderten Hinterseiten ein paar spärliche Meter Spree zugänglich sind. Gelegentlich schreckt man an solchen Orten klandestine Angler auf, ärmlich aussehende Russlanddeutsche meist, Angehörige einer fischfreudigen Berliner Minderheit, der für Angelscheine das Geld fehlt, von Seegrundstücken ganz zu schweigen.

So geht es lange weiter. Hauptstraße, Abzweigung, Sackgasse, enttäuschte Umkehr zur Hauptstraße, nächste Abzweigung, nächste Sackgasse, ertappte Angler, Sackgasse, Sackgasse, Sackgasse. Nirgends ein Uferweg. Viel Spree bekommt man als Fußgänger auf diesen ersten Flusskilometern nicht zu sehen, und die ständigen fruchtlosen Umwege wird man schnell leid. Wer trotzdem den sportlichen Ehrgeiz hat, jeden einzelnen begehbaren Spreemeter mitzunehmen, braucht allein für das kurze Teilstück zwischen Dämeritzsee und der Siedlung Neu-Venedig gute zwei Stunden. So langsam ist nicht einmal die Spree! Und die ist wahrlich nicht schnell.

Genauer gesagt ist sie einer der langsamsten Flüsse Deutschlands. Auf den 398 Kilometern, die sie zwischen ihrer Quelle im Oberlausitzer Bergland und der Havelmündung in Berlin zurücklegt, liegt ein Gefälle von lediglich 400 Höhenmetern – zu wenig, um wirklich Fahrt aufzunehmen. Im Schnitt bewegt sich der Fluss mit einer Geschwindigkeit von 50 Zentimetern pro Sekunde, ab Cottbus sind es nur noch 17, im Berliner Stadtgebiet gerade noch neun Zentimeter. Schuld an dieser zunehmenden Verlangsamung ist vor allem der Tagebau in der Lausitz, wo die Spree einst künstlich verbreitert wurde, um das abgepumpte Wasser aus den Gruben aufzunehmen. Seitdem dort kaum noch gefördert wird, hat der Fluss nicht nur Schwierigkeiten, sein Bett zu füllen, zusätzlich wird ihm noch Frischwasser entnommen, um ein Versäuern der Lausitzer Baggerseen zu verhindern. In trockenen Berliner Sommern steht die Spree deshalb nahezu still, in besonders trockenen fließt sie streckenweise sogar rückwärts. Das geklärte Abwasser, das ihr zugeführt wird, kann der Fluss dann nicht mehr aus eigener Kraft aus der Stadt schwemmen. Der Berliner Teil der Spree ist deshalb, wenn er im Sommer ins Stocken gerät, im Grunde kein Fluss mehr, sondern ein langgestrecktes Speicherbecken voller Klärwasser. Das weitgehende Schwimmverbot hat seinen Grund.

In der Siedlung Neu-Venedig, gelegen am Nordufer der Müggelspree und durchzogen von schmalen Kunstkanälen, hat jedes Einfamilienhaus ein Boot, viele haben mehr als eins. Aber kein Mensch ist auf dem Wasser unterwegs. Vielleicht, weil die Leute hier in letzter Zeit eher mit dem Himmel beschäftigt sind als mit dem Fluss. Jeden zweiten Gartenzaun zieren Protestslogans wie „Schlaf ist ein Menschenrecht – keine Nachtflüge von BBI!“ Hier leben Menschen, die ihre Ruhe wollen. Ein Schild über einer Hauseinfahrt warnt: „Wir wollen hier nichts kaufen; nichts spenden; unsere Religion nicht wechseln; wir sind versichert; unsere Rechnungen sind bezahlt; also TSCHÜSS!“

Auch hier, in diesem spreegeprägten Viertel, ist kaum ein Herankommen an die Spree. Die Kanäle kann man von Brücken aus bewundern, an ihnen entlangspazieren kann man nicht. Lediglich in der Vereinsgaststätte der „Wasserfreunde Neu-Venedig e.V.“, geprägt von Anker- und Seestern-Deko, gibt es eine Freiluftterrasse mit ein paar öffentlich zugänglichen Ufermetern. Die Kellnerin will gehört haben, dass man in der Spree Plötzen fischen kann, Aale auch, Hechte dito, „Karpfen weeß ick nich“. Auf der Speisekarte steht nur Meeresfisch aus der Tiefkühltruhe. Immer, wenn neue Gäste durchs Gartentor treten, wedelt die Kellnerin mit Sitzkissen und deutet fragend auf die noch freien Plastikstühle: „Wo darf ick et Ihnen jemütlich machen?“ Die Antwort ist fast immer die gleiche: „Am Wasser!“

Hinter der Siedlung das inzwischen schon vertraute Spiel: Hauptstraße, Abzweigung, Sackgasse, Umkehr. Nur werden die Umwege jetzt länger, weil die Hauptstraße weiter vom Ufer entfernt ist. Man kann hier unfassbar viel Zeit damit verbringen, durch verwinkelte Kleingartenanlagen zu irren, auf der Suche nach dem Fluss, den man selten erreicht. Nirgends ein Uferweg, nirgends auch nur ein Wegweiser, der Spaziergänger auf die flussnächste Strecke hinweisen würde.

Als endlich der Müggelsee auftaucht, sind sieben Stunden vergangen – sieben Stunden Fußweg für knapp vier Kilometer Flussweg! Die Beine schmerzen, der Kopf ist frustriert, und auf dem großen Klapp-Stadtplan ist noch nicht einmal die Hauptkarte erreicht, bis hierher gehört alles noch zur „Beikarte II Rahnsdorf“. Wenn das so weitergeht, gute Nacht.

Nächster Tag. Der Müggelsee! Strand! Wasser! Ufer! Wege! Ungehindertes Flussflanieren! Gut, natürlich ist das hier eigentlich nicht die Spree, sondern ein See, aber nach dem ersten frustrierenden Tag ist man dankbar für jeden Wassermeter. Am Südufer kommt man ununterbrochen von einem Spreearm bis zum anderen, am Nordufer verstellen leider ab der Hälfte Villen den Weg.

Wo die Spree wieder einsetzt, am Westufer, liegt das erste ernstzunehmende Flusscafé, eine biergartenartige Angelegenheit mit freiem Wasserblick. In diesem halb öffentlichen Uferraum zeigt sich erstmals, was weiter stromabwärts zur Regel wird: Man kann sich den Flusszugang erkaufen. Wobei die Tarife stadteinwärts steigen. Hier, am Müggelsee, ist ein Kaffee mit Blick noch für 1,80 Euro zu haben, und die Spree sieht hier, anders als bisher, zum ersten Mal wie ein richtiger städtischer Fluss aus: breit, weit, mit Panoramahimmel oben und weißen Segeln unten, ein schiffbares Gewässer, nicht mehr das Mickerkanälchen, das auf der anderen Seite des Sees liegt.

Am Nordufer verstellt ab hier eine Reihe wuchtiger Industriebauten das Wasser. Soll es jetzt weitergehen mit den endlosen Umwegen? Lieber durch den Fußgängertunnel auf die Südseite wechseln, wo ein Waldstück die Spree säumt. Der Tunnel sieht von innen nicht anders aus als eine handelsübliche U-Bahn-Unterführung – schwer zu glauben, dass man sich hier wirklich unter der Spree befindet. Aber es stimmt. Die Betonröhre ist eine von insgesamt 15 Berliner Flussunterquerungen. Nur diese hier kann man allerdings zu Fuß durchlaufen, alle anderen sind Bahn- oder Autotunnels.

Drüben im Waldstück ein anthropologisches Rätsel: Etwa fünf Meter vom Ufer entfernt verläuft zwischen den Bäumen ein geebneter Fußweg. Parallel zu ihm – und direkt an der Wasserkante – läuft ein deutlich schmalerer, unwegsamer Trampelpfad. Fast alle Spaziergänger benutzen den Trampelpfad. Wasser lenkt Schritte, formt Wege.

Das Waldstück ist kurz, bald drängen sich wieder Häuser zwischen Weg und Wasser, es beginnen die vertrauten Umwege. Immer mal wieder erreicht man zwischen Müggelspree und Amtsgraben, zwischen Alter Spree und Dahme das Wasser, aber man muss es gleich wieder hinter sich lassen, weil kein Weg das Ufer säumt. Sie sind zunehmend frustrierend, diese Momentaufnahmen der Spree, die zwischen Gartenkolonien, Segelclubs, Mietskasernen und Parkplätzen kurz aufblitzen und sofort wieder verblassen. Sie sind frustrierend, weil die Spree, sobald man sie zu sehen bekommt, vor Leben nur so wimmelt. Für Segler und Paddler, für Angler und Schrebergärtner, für Kaffeetrinker und Entenfütterer ist der Fluss ein Lebensraum. Für Uferflaneure ist er es nicht.

Das wahre Grauen aber kommt erst noch: Spindlersfeld und Schöneweide, wo die Spree nicht mehr von Wohnhäusern und Datschen gesäumt ist, sondern von Industriebauten, Lagerhallen, Schornsteinen, Schutthalden. Die Umwege führen jetzt nicht mehr durch Nebenstraßen und Gartenkolonien, sondern vorbei an grauen Werkfassaden und mehrspurigen Autotrassen.

Unerwartet taucht inmitten dieser Wildnis plötzlich die erste Strandbar auf. Hinter dem Campus der Hochschule für Technik und Wirtschaft, am Nordufer, ist ein Streifen Sand aufgeschüttet. Der dazugehörige Uferweg, erkennbar frisch angelegt, entpuppt sich schnell als Sackgasse: Er endet vor einem umzäunten Industriegelände. Ein paar hundert Meter weiter stromabwärts quert eine Fußgängerbrücke die Spree, der Kaisersteg, deutlich erkennbar, aber unerreichbar. Zwei Studenten kommen auf Mountainbikes den Uferweg entlang- geradelt, bremsen vor dem Zaun, starren verständnislos die Brücke an. „Wie albern ist das denn?“, fragt einer. „Da muss mal einer dem Wowi in den Arsch treten, dass der hier die Ufer frei macht.“

Einen Kilometer weiter, auf der Stubenrauchbrücke, ist der moralische Tiefpunkt erreicht. So weit das Auge stromabwärts reicht, ist kein Uferzugang in Sicht. Lastwagen dröhnen, ihr Fahrtwind zerrt am Stadtplan, nord- wie südwärts ist kein Weg verzeichnet, der auch nur annähernd in Wassernähe verliefe. Der Kopf dröhnt, die Frustration wächst – bis schließlich ein wütender Entschluss fällt: Schluss mit dem schafsartigen Trott über legale Wege, ab hier geht’s querfeldein! Ein Zaun? Kein Hindernis! Warnschilder, Ufer unbefestigt, Absturzgefahr? Egal! Noch ein Zaun, ein höherer? Umkehr ausgeschlossen!

Blöd nur, dass hinter dem nächsten Zaun ausgerechnet die Bundespolizei residiert. Schäferhunde, Stacheldraht, Uniformen. Kleinlauter Rückzug.

Wieder anderthalb Kilometer weiter taucht am Südufer der Plänterwald auf. Eigentlich müsste man sich jetzt freuen, weil hier der bisher längste durchgehende Uferweg der Spree beginnt, er zieht sich durch den Treptower Park bis zur S-Bahn-Brücke. Aber es ist spät, neun Stunden sind vergangen, die Spree steckt einem in den Knochen, obwohl man wenig von ihr gesehen hat, der zweite Tag geht zur Neige – und noch immer ist nicht einmal die Hälfte des Flusses geschafft.

Dritter Tag. Planänderung gleich beim Aufwachen: Es hilft nichts, ein Fahrrad muss her. Zu Fuß den Fluss entlang? Die Idee ist gut, doch die Spree noch nicht bereit.

Die Rummelsburger Bucht ist ein Glücksstart, perfekter kann ein umbautes Gewässer sein Ufer nicht öffnen. Rundum ein lückenloser Wasserweg. Selbst die Toten haben hier Spreeblick: An der Südseite der Stralauer Halbinsel säumt ein Friedhof die Wasserkante, auf einem der Grabsteine steht: „Für immer vor Anker.“

Vorbei an den Treptowers, am Molecule Man. Das Nordufer ist hier fast durchgängig begehbar, bloß ganz im Osten, an der Elsenbrücke, führt der Weg durchs alte Hafengelände in eine Sackgasse. Nirgends hat das verwinkelte Areal einen Ausgang, nach langem Suchen muss man kehrtmachen. Es ist einer dieser Irrwege, die Fußgänger locker eine halbe Stunde kosten. Wer ein Fahrrad hat, verliert keine fünf Minuten.

Skurril das lange Teilstück zwischen Oberbaum- und Jannowitzbrücke: Fast überall kommt man auf Umwegen ans Ufer, fast nirgends kann man es als durchgehenden Weg nutzen. Entlang der Köpenicker Straße hat jeder zweite Industriebau irgendwo eine versteckte Hofdurchfahrt zum Wasser, aber zwischen Hof und Hof ist kein Durchkommen.

Und noch etwas fällt auf: Den Uferzugang monopolisiert auf diesem Abschnitt vor allem die Gastronomie. Wer hier an den Fluss will, muss trinken oder tanzen, wer es nachts will, muss an Türstehern vorbei. Dicht an dicht reihen sie sich an beiden Ufern: Watergate, Oststrand, Spindler & Klatt, Strandgut, Yaam, Radialsystem, Kater Holzig, Marie Antoinette, Hangar 49. Leer steht das alte Maria am Ostbahnhof. Die Party ist weitergezogen, die Sperrwände an der Spree sind stehengeblieben, die Clubbetreiber haben sie nicht abmontiert. Kein Durchkommen.

An der Jannowitzbrücke schließlich die große Wende: Beidseitig ist da plötzlich ein steingefasster Uferweg, der, man fasst es kaum, nicht mehr abreißt. Ungebremst geht es am Fluss entlang, vorbei an der Fischerinsel, wo Berlin einst entstand, vorbei an der Baustelle des Stadtschlosses, wo Berlin groß wurde, vorbei an den Museen, die den Ruf der Stadt als „Spree-Athen“ begründeten. „Daß ganz Europa nicht von einem Fürsten hört! / Der so der Künste Kern als König Friedrich liebet“ – so pries 1706 Erdmann Wircker den Preußenherrscher, der die Ufer seiner Residenzstadt mit antiken Musentempeln kränzte. „Die Fürsten wollen selbst in deine Schule gehn / Drumb hastu auch für sie ein Spree-Athen gebauet.“

Vorbei geht es auch an jener heute kaum noch kenntlichen Nahtstelle, wo einst die Mauer verlief – und wo zur Teilungszeit die Spree als einzig freie Bürgerin unkontrolliert von Ost nach West verkehrte. Heute rollt man hier umstandslos weiter, und im Wasser spiegeln sich die Repräsentanzbauten der wiedervereinigten Republik. Weiter geht es, weiter und weiter, beidseitig am Ufer entlang, und als abends der Hauptbahnhof erreicht ist, macht sich eine Genugtuung breit, die uferlos und ufervoll zugleich ist. Na also! Es geht doch!

Vierter Tag. Weiter stromabwärts, aber nun stadtauswärts. Während die historische Mitte zurückbleibt, wächst die Angst, dass nun bald wieder die vom Ostende der Stadt vertrauten Umwege beginnen, dass die Ufer dem Flaneur entgleiten. Vorerst tun sie es nicht, aber man mag dem Frieden nicht trauen, und als kurz vor der Gotzkowskybrücke das erste Ausweichmanöver fällig wird (ein Häuserblock schiebt sich vors Ufer), ist man sicher: Das war’s jetzt mit dem Wasserweg.

„Sie haben zu wenig Luft im Hinterreifen!“ Ein Jogger bleibt stehen, gibt fachkundig Pneumatik-Tipps. Nein, sagt er dann, der Uferweg sei hier keineswegs zu Ende. „Der geht weiter. Bis nach Spandau.“ Sicher ein Irrtum, denkt man – das kann einfach nicht stimmen!

Jedoch, man merkt schnell: Es stimmt tatsächlich. Durchgehende Uferwege säumen den Fluss bis weit hinter das Schloss Charlottenburg. Ab der Autobahnbrücke kommt man zwar nur noch auf einem, dem südlichen Ufer weiter, aber der schmale Fußweg, der hier verläuft, reißt nun tatsächlich nicht mehr ab. Er passiert Industriebrachen und Gartenkolonien, und nie ist er weiter als ein paar Meter von der Spree entfernt, nie gerät das Wasser außer Sichtweite. Staunendes, ungläubiges Radeln. Wie kann das sein? Berlin ist geteilt! Im Osten Mauern, im Westen Freiheit! Seit zwei Jahrzehnten fließt die Spree durch eine wiedervereinigte Stadt, und doch sind ihr die alten Grenzen eingeschrieben.

Fast stellt sich eine perverse Form der Erleichterung ein, als der Fluss schließlich so endet, wie er begonnen hat: unzugänglich. Müllhalden und Kläranlagen säumen den letzten Zipfel Spree in Spandau, die schnabelförmige Halbinsel Sophienwerder ist ein einziges Schuttfeld. Es gibt einen Uferweg, aber spazieren geht hier niemand, in der Luft liegen Gestank und das Dröhnen der Mülltransporter. An der Spitze der Halbinsel reißt schließlich auch der Uferweg ab, ein Tor versperrt die Weiterfahrt. Um die Spreemündung zu erreichen, muss man von hier aus die komplette Halbinsel südwärts umrunden und die Spandauer Altstadt durchqueren, bevor man die Uferwiese an der Juliusturmbrücke erreicht. Ein letzter monströser Umweg als Abschiedsgabe.

An der Mündung ist die Spree still. Das havelwärtige Fließen sieht man ihr nicht an, und wenn ein Westwind das Wasser kräuselt, wie jetzt, sieht es sogar aus, als flösse sie rückwärts. Man braucht Holz und Geduld, um die Strömung zu entlarven. Langsam, unendlich langsam treibt das Stöckchen westwärts, bevor es südwärts in die Havel schwenkt.

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