Berlin : Immer an der Wand lang: Die S-Bahn im Westen

Bernhard Schulz

Der Betrieb der S-Bahn war für die DDR-Reichsbahn stets eine enorme Belastung – so groß, dass die DDR Anfang der 80er Jahre sogar auf ihre Betriebsrechte verzichtete und die S-Bahn an den West-Berliner Senat übergab – auch ohne die finanzielle Kompensation, auf der sie zuvor beharren wollte. Das ganze Ausmaß der Belastung erschließt nun erstmals Burghard Ciesla in seiner materialreichen, auf die seit der Wiedervereinigung zugänglichen Archive gestützten Studie „Als der Osten durch den Westen fuhr. Die Geschichte der Deutschen Reichsbahn in Westberlin“. Seit den 60er Jahren dominierten die ökonomischen Probleme: die enormen Kosten, denen minimale Einnahmen gegenüberstanden, der Arbeitskräfteverlust in Folge des Mauerbaus und der immer desolatere Zustand der Anlagen. Ciesla zeigt, wie frühzeitig sich die SED von dieser Last trennen, jedoch ihre Hoffnung auf den enormen West-Berliner Immobilienbesitz aufrechterhalten wollte, der ihr nach der Betriebsregelung der Alliierten von 1945 gleichwohl verschlossen war. Interessant ist, dass westlicherseits durchaus kein Interesse an der Änderung des Status quo bestand: „Das lange Zögern des Senats hing vor allem mit den zu erwartenden hohen Investitionsaufwendungen für die Rekonstruktion und Modernisierung der S-Bahn zusammen.“

Ausführlich behandelt der Autor die internen Querelen der Reichsbahner, die sich – großenteils treue Genossen – zunehmend von der SED verraten fühlten. Als die Sicherheit der Arbeitsplätze, bis dato ein Ausgleich für geringere Löhne, in Frage stand, entlud sich der lang angestaute Unmut im Reichsbahner-Streik vom September 1980. Danach war das Verhältnis der eine Sonderrolle innerhalb der Reichsbahn-Organisation einnehmenden West-Bahner zu DDR und SED irreparabel beschädigt.

Cieslas Arbeit besticht insbesondere durch das ausführliche Quellenstudium und die daraus geschöpften Zitatpassagen, die einmal mehr die Engstirnigkeit, aber eben auch die wirtschaftlich verheerende Lage des SED-Staates belegen. Das 1945 nur kurzfristig gedachte Nachkriegsprovisorium der einheitlichen Bahnbetriebsrechte für die ganze Viersektorenstadt Berlin erwies sich im Lauf der Zeit als untragbarer Ballast. Wie sich im Zerfall dieses Zustands zeigte, war die ganze Reichsbahn ein immer weniger lebensfähiges Unternehmen. Die Geschichte des West-Berliner S-Bahn-Betriebes bildet nur einen politisch bizarren Ausschnitt – ein Stück Nachkriegsirrsinn wie in einem Brennglas.

Burghard Ciesla: Als der Osten durch den Westen fuhr. Die Geschichte der Deutschen Reichsbahn in Westberlin. Böhlau Verlag, Köln 2006, 356 Seiten, 47,90 Euro

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