Berlin : Immer Anarchist

Mao Meyer ist 40 und gegen den Polizeistaat Am 1. Mai wird er „Party machen“ – wie schon 1987

Thomas Loy

Mao Meyer ist jetzt 40, aber immer noch Anarchist. Eigentlich auch immer noch Punk. Vom Aussehen sollte man nicht auf die Gesinnung schließen, findet er. Für einen Irokesenschnitt fehlen ihm inzwischen die Haare, und die Cargohose ist einfach praktischer als eine enge schwarze Jeans. Weil Mao – so nennen ihn alle in SO 36 – am 1. Mai wieder auf der Straße sein wird, um für eine Gesellschaft ohne Staat und Polizei zu demonstrieren, möchte er sein Gesicht lieber nicht in der Zeitung sehen.

Der 1. Mai 1987 verlief nach Maos Erinnerung deutlich anders als bei Polizist Wilfried Püschel. Am Nachmittag war er mit seinem kleinen Kind auf dem Familienfest von Alternativer Liste und SEW am Lausitzer Platz. Da stand ein VW-Bully der Polizei herum, leer. Den kippten einige um. So eine kleine Randale-Aktion gehörte schon damals zum traditionellen Festverlauf, erzählt Mao.

Danach warfen ein paar Aktivisten Steine auf einen besetzten Bully in der Manteuffelstraße. „Daraufhin kamen Polizisten aufs Fest, mit Schlagstöcken und Tränengas, wollten uns vertreiben.“ Die Autonomen wehrten sich, warfen mit Steinen und Flaschen, bis der Polizeitrupp den Rückzug antrat. „Die hatten nicht genug Leute“, sagt Mao, der sich selbst ins Getümmel geworfen hatte.

Danach war Ruhe. „Die Bullen waren weg.“ Mao zog durch die Straßen, beobachtete, wie Geschäfte geplündert und Zigarettenautomaten geknackt wurden und freute sich über die „gute Stimmung“. „Geplündert wurden nur Geschäfte, nicht die Wohnung des Nachbarn. Es gab eine eigene Moral, an die sich alle hielten.“ Für Mao wurde der 1. Mai 1987 zum gelungenen Experiment. Das Ergebnis: Ein Leben ohne Polizei ist möglich.

Was er in der Nacht im Einzelnen unternahm, möchte Mao nicht erzählen. Dass die Feuerwehr daran gehindert wurde zu löschen, findet er okay. Barrikaden sollten ja brennen, das ist die Idee. Einige Feuerwehrleute hätten erst einmal um Erlaubnis gefragt, ob sie ein brennendes Auto oder einen Bauwagen löschen dürften. So viel Respekt vor den Kreuzbergern hätte sich Mao auch von der Polizei gewünscht. Als dann ein Rüstwagen der Feuerwehr brannte und explodierte, seien alle „kurz zusammengezuckt“, um dann weiter Party zu machen.

Mao sagt, dass autonom orientierte Kreuzberger und Polizisten mental einfach nicht zueinander passen. Der Kreuzberger möchte seine Angelegenheiten unter sich regeln und empfinde Polizeieinsätze als Okkupationsversuch, der – aus Kreuzberger Sicht moralisch legitimiert – mit Wurfgeschossen beantwortet wird. Wobei zur autonomen Moral gehöre, dass Steine nur auf behelmte Polizisten geworfen werden und man Autos nur anzündet, wenn niemand drinsitzt.

Mao hat mit 14 die Schule geschmissen und ist als Punk in ein besetztes Haus gezogen. Gearbeitet hat er in unterschiedlichen Jobs, zurzeit als Erzieher-Helfer in einer Grundschule. Sich mit der herrschenden Ordnung zu versöhnen wie viele andere Autonome, hat Mao bislang vermieden. Er zählt sich zur „bildungsnahen Unterschicht“.

Steine wirft er auch noch, aber nicht mehr so häufig wie früher. „Das ist auch eine Frage der körperlichen Fitness.“ Beizeiten gerate er auf Demonstrationen mit Polizisten körperlich aneinander. Meistens geht es um Festnahmen, die Mao verhindern möchte. Auch das gehöre zur Kreuzberger Moral: „Wer am Boden liegt, ist mein Verbündeter.“

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