Berlin : Immer der Nase nach

Eisbär Knut war ihr prominentester Fall – aber manchmal landet auch ein Menschenaffe auf dem Tisch: Ein Besuch bei Tierpathologen.

Susanne Grautmann

Vier Jahre wurde er nur alt, und doch ist er schon längst unsterblich – zumindest im Streichholzschachtelformat. In der vergangenen Woche bestätigten Forscher des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung, dass Knut wie vermutet an einer Entzündung des Gehirns starb. Gewebeproben von zehntausenden Tieren, sicher konserviert in Wachs, lagern in dem Institut am Rande des Tierparks – darunter auch Fall 92/2011, ein gewisser Eisbär.

Wird ein totes Tier angeliefert, eilt Pathologin Claudia Szentiks in die Sektionshalle und greift zu Handschuhen, Kittel und Schürze. Sie war für die Untersuchungen im Fall Knut verantwortlich. Das Prozedere ist bestens eingeübt: Der Kadaver wird vermessen und gewogen, bekommt eine Fallnummer und wird rücklings auf dem Seziertisch aufgebahrt. Szentiks schneidet jedes Tier der Länge nach auf, um die Organe zu entnehmen: zuerst die Bauchorgane, dann geht es im Brustkorb weiter – und ganz am Schluss folgen Gehirn und Rückenmark. Im Körper des toten Eisbären haben die Forscher sogar noch lebende Spermien finden können.

Landet ein Primat auf ihrem Tisch, zieht Szentiks zwei Paar Handschuhe übereinander und setzt noch einen Helm auf. „Primaten können unzählige für Menschen tödliche Viren tragen. Man muss extrem vorsichtig sein, damit zum Beispiel keine Flüssigkeit aus dem Gewebe in das eigene Auge spritzt“, erklärt Dr. Szentiks.

Was für andere abschreckend klingen mag, stellte sie sich schon als kleines Kind spannend vor. Ekelgefühle hatte sie bei ihrer Arbeit nie. Sie verzichtet sogar auf jede Form von Geruchsschutz. „Anständige Pathologen arbeiten nie mit Geruchsschutz“, sagt Szentiks – denn der Geruch ist eine so wichtige Informationsquelle, dass manche Krankheiten durch ihn sofort zu diagnostizieren sind. „Pathologen mit Geruchsschutz sieht man eigentlich nur im Fernsehen.“

Nicht nur Knut wurde nach seinem Tod hierher gebracht. Auch jedes andere Tier aus Zoo und Tierpark landet nach seinem Ableben hier, vom Ameisenbär bis zur Ziege. Keine Zweifel soll es in Hinblick auf die Todesursache geben, und deshalb werden die Kadaver obduziert. Auch für manche Wildtierarten sind die Mitarbeiter zuständig. „Aber natürlich können wir hier nicht jedes tote Reh untersuchen“, sagt Szentiks Kollege Alex Greenwood, der als Virologe auch an Knuts Obduktion beteiligt war.

Im Moment sind die Mitarbeiter zum Beispiel an einem bundesweiten Wolfsforschungsprojekt beteiligt. Manches Tier, das durch die Wälder Brandenburgs, Mecklenburgs und Sachsens streifte, landet am Ende auf einem Tisch hier im Institut.

Dr. Szentiks entnimmt aus jedem Organ hauchdünne Gewebeproben und legt diese in Formalin ein, um sie haltbar zu machen. Wenn sie die Proben unter dem Mikroskop betrachtet, erkennt sie Veränderungen im Gewebe und kann so oft schon eine erste Diagnose stellen. Die technischen Assistenten des Instituts packen die Proben schließlich in Wachs. So entstehen etwa streichholzschachtelgroße Blöcke, die je eine Gewebeprobe enthalten – und für die wissenschaftliche Nachwelt erhalten bleiben sollen. Zukünftige Forscher nämlich sollen Fälle neu untersuchen können, in denen mit heutigen Methoden noch keine Ergebnisse zu erzielen sind.

„Wir haben unzählige Proben von rund 55 000 Fällen in unserem Archiv. Das ist die größte Sammlung in Europa. Eigentlich haben wir hier ein Museum für Krankheitserreger“, sagt Virologe Greenwood. Dass dieses Museum beschädigt werden könnte und sich Parasiten durch die Proben im Archiv fressen, nennt Szentiks ihr persönliches Horrorszenario. „So etwas könnte beispielsweise bei einem Umzug passieren“, sagt sie.

Unter Druck gesetzt hat die Forscher auch der Starrummel um Knut. „Vielen fällt es schwer zu akzeptieren, dass die Auswertung der Forschungen rund um Knut so lange gedauert hat“, sagt Greenwood. Aber man müsse in der Wissenschaft nun einmal ungemein exakt arbeiten. Zudem müssen die Forscher immer erst einen Artikel in einer Fachzeitschrift publizieren, bevor sie mit ihren Ergebnissen an die breite Öffentlichkeit gehen können.

Es dauert in der Regel schon alleine ein Jahr, bis ein solcher Artikel geprüft und genehmigt wurde. Der Fall 92/2011 machte da keine Ausnahme. Aber was ist schon ein Jahr im Angesicht der Ewigkeit? Susanne Grautmann

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