Berlin : Immer mehr Händler organisieren sich, um der Konkurrenz der Konzerne zu trotzen

Cay Dobberke

"Schlafen die denn alle?", fragte sich Thomas Bong. Den Apotheker störte, dass in der Wilmersdorfer Straße jeder Händler seit zwei Jahren nur noch für sich selbst warb. Die Arbeitsgemeinschaft Wilmersdorfer Straße gab es kaum noch. "Es wurde nur noch geerntet, nicht mehr gesät", sagt Geschäftsführer Horst Weiß von der Karstadt-Filiale in der Fußgängerzone. Auch die Beitragszahlungen seien ausgeblieben. Das änderte sich erst, als Bong sich an Weiß wandte. Die beiden Geschäftsleute wurden aktiv, und nun gibt es wieder einen "harten Kern" aus einem halben Dutzend Läden. Nach einem "Oktobermarkt" hat man nun einen Weihnachtsmarkt organisiert, und im Januar will man Umbau-Entwürfe von HdK-Studenten für die oft kritisierte Bahnbrücke am Stuttgarter Platz ausstellen.

Dem Beispiel der Charlottenburger folgen immer mehr Händler in Berlin. Vor allem die Konkurrenz von Einkaufszentren zwingt sie, sich zu organisieren. Die neueste Liste des Einzelhandelsverbands führt schon 43 Arbeits- und Interessengemeinschaften auf. Bis zum Frühjahr wollen auch Händler in der Berliner Allee in Weißensee mitmachen. Unter dem Motto "Guter Einkauf in Weißensee" gab es dort schon gemeinsame Aktionen. Derzeit finden regelmäßig "Werkstatt"-Gespräche statt; am kommenden Wochenende berät man über Sonnabend-Öffnungszeiten bis 16 Uhr. Regina Roß von der Stadtmarketing-Firma "KOMET" hofft, dass "90 Prozent der Betriebe länger verkaufen". Ihre Firma betreut die Berliner Allee seit Oktober im Auftrag des Deutschen Seminars für Städtebau und Wirtschaft. Als Hauptproblem in der Einkaufsmeile nennt Regina Roß den "Vorrang für Autos und die Straßenbahn". Die Straße sei laut und schwer zu überqueren.

Zu den neuesten Gründungen zählt die Interessengemeinschaft Westfälische Straße in Wilmersdorf mit 38 Mitgliedern. Im September hatte man zum ersten Aktionstag unter dem Motto "Service Pur" eingeladen. Der zweite Streich folgt am kommenden Sonnabend: Von 10 bis 18 Uhr gibt es eine Advents-Aktion mit weihnachtlicher Livemusik, geschmückten Geschäften, Glühwein, gebrannten Mandeln und Weihnachtsmännern, die Leckereien an Kinder verteilen. "Es ist kein Weihnachtsmarkt", betont die IG-Sprecherin Heide Meyer von der Boutique "Lady M". Denn auf fremde Anbieter will man auch diesmal verzichten. "Ich kämpfe gegen eine gesichtslose Einkaufsstadt", sagt Heide Meyer. Eine wichtige Chance der Läden im Konkurrenzkampf mit großen Filialisten sieht sie in der "persönlichen Ansprache". Die Westfälische Straße sei wegen ihres hochwertigen Angebots eine Besonderheit, es störe nur der Parkplatzmangel. "Jetzt wollen wir eine Kurzzeit-Parkzone in einem Teil der Straße beantragen", kündigt die Modehändlerin an.

In Moabit besteht seit Oktober die Gemeinschaft "Wir für die Turmstraße". Zu den 40 Mitgliedern zählen Anwälte, Ärzte und andere Anwohner. Dem Vorsitzenden Willi Hübener liegen besonders Maßnahmen gegen die "zunehmende Kriminalität" am Herzen. Die Probleme reichten von Ladendiebstählen bis zu Schutzgelderpressung und Überfällen. Ein erstes sichtbares Zeichen der Gemeinschaft ist, dass es im Gegensatz zu den Vorjahren wieder eine Weihnachtsbeleuchtung in der Turmstraße gibt.

Für die Festbeleuchtung am Kurfürstendamm und an der Tauentzienstraße sorgt derweil die wohl bekannteste Händlergemeinschaft: die schon 1976 gegründete Arbeitsgemeinschaft City mit 120 Mitgliedern. Sie organisiert seit 1993 einen Wachschutz für die Geschäfte. Auch schon seit 1982 gibt es die AG Hermannstraße in Neukölln mit rund 50 Mitgliedern. Zu ihren traditonellen Veranstaltungen gehört der "Rixdorfer Blumenkorso", der jährlich bis zu 250 000 Besucher anzieht. Vom neuesten Projekt sollen die Händler direkt profitieren: Man verhandelte mit dem Energieversorger "Ampere AG", der den Läden nun einen besonders günstigen Gemeinschaftstarif offeriert.

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