Berlin : Immer mehr Hauptschulen rufen um Hilfe

Waffen, Schläge, Drohungen – nach dem Brandbrief von Neukölln sagen Lehrer und Rektoren: So geht es nicht weiter

Susanne Vieth-Entus

Nach dem Desaster an der Neuköllner Rütli-Schule wird die Forderung nach Abschaffung der Hauptschulen immer lauter. Auch wurden weitere Gewaltvorfälle bekannt. Gestern wandten sich etliche Schulleiter und Lehrer an die Öffentlichkeit, um auf ihre verfahrene Situation aufmerksam zu machen und eine Änderung in der Schulpolitik anzumahnen. Bildungssenator Klaus Böger (SPD) hat beschlossen, dass der Leiter der Reinickendorfer Paul-Löbe-Hauptschule, Helmut Hochschild, die Rütli-Schule leiten soll, bis die vakante Rektorenstelle neu besetzt ist.

„Die Situation an den Berliner Hauptschulen ist geprägt von Hoffnungslosigkeit desillusionierter, gewaltbereiter Jugendlicher, die nicht nur Schüler attackieren, sondern streckenweise keinen geordneten Unterricht ermöglichen“, heißt es in einer Erklärung, die gestern acht Hauptschulleiter unterschrieben haben. Noch weitere Kollegien wollen die Situation, so wie sie an den Hauptschulen ist, nicht länger akzeptieren. Einige erwägen einen ähnlichen Brandbrief, wie er vom Rütli-Kollegium verfasst worden war. Es ist die Rede von vorbestraften Schülern, die die Atmosphäre in ihren Klassen vergifteten. In einem Schreiben berichten Lehrer, dass „Steine durch Fensterscheiben in Klassenräume und Lehrerzimmer fliegen“. Kollegen bekämen „direkt oder indirekt Morddrohungen“. Beleidigungen seien an der Tagesordnung. Ihnen seien zwei Hauptschulen bekannt, „die in letzter Zeit von bewaffneten Jugendbanden überfallen wurden, um einzelne Schüler zu misshandeln“.

Betroffen sind keineswegs nur die Hauptschulen mit hohem Migrantenanteil. Karla Werkentin von der – fast nur von Deutschen – besuchten Weißenseer Heinz-Brandt-Hauptschule berichtet auch von erschreckenden Zuständen. Sie habe „einige Schüler suspendieren müssen, weil sie andere Schüler gefährdeten“. Etliche Schüler kämen aus völlig zerrütteten Familien mit alkoholkranken Eltern. Kürzlich stellte sie fest, dass einige Schüler nicht einmal richtig mit Messer und Gabel essen konnten.

Falls es nach den Wahlen im Herbst zu einer rot-roten Koalition kommt, werden wohl die Weichen zur Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems gestellt, denn sowohl SPD als auch PDS verfolgen dieses Ziel. Auch die Bündnisgrünen und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) würden dieses Vorhaben unterstützen. In Berlin besuchen die leistungsschwächsten zehn Prozent der Schüler die Hauptschule. Wenn Real- und Hauptschüler nebeneinander auf der Schulbank sitzen, so die Hoffnung der Politiker, könnten sich die Hauptschüler an den leistungsstärkeren Realschülern ein Vorbild nehmen. Zwar ist es jetzt schon möglich, an Hauptschulen den Realschulabschluss zu machen, was aber nur wenigen Schülern gelingt.

Unterdessen wird Kritik an den Schulräten in Neukölln laut. Fachleute berichten, dass immer wieder Lehrer aus den Ost-Bezirken an die Rütli-Schule versetzt wurden, die sich mit Migrantenproblemen nicht auskannten. Der Landeselternausschuss sprach von „schwerwiegenden Defiziten im Management“.

Die GEW will verhindern, dass die Diskussion um die „Restschule“ wieder abebbt und sich die Lehrer resigniert zurückziehen. Die Gewerkschaft plant eine Kampagne „Mut zum Unmut“, sagt der Hauptschulexperte Norbert Gundacker. Die Berliner FDP-Fraktion will Leiter von Brennpunktschulen zu einer Anhörung ins Abgeordnetenhaus einladen. Die Neuköllner CDU will eine BVV-Sondersitzung veranlassen.

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