Berlin : Immer mehr Kitas im Ostteil stehen leer

ANNETTE KÖGEL

Sinkende Nachfrage bei Eltern/Sicherheitsmängel beklagt VON ANNETTE KÖGEL

Berlin.In Kindertagesstätten spielen nicht mehr Dreikäsehochs mit Puppen, vielmehrtreffen sich Rentner zum Kaffeekränzchen - diese verkehrte Welt gehört in Hohenschönhausen bereits zum Alltag.Vor allem in den Plattenbau-Siedlungen Ost-Berlins müssen Kitas umgewidmet oder geschlossen werden.Die Ursache: Im Ostteil werden infolge des Geburtenrückganges pro Jahr mehrere tausend Kinder weniger angemeldet.Anders die Lage im Westteil: hier steigt die Zahl der Kita-Kinder an.Unterdessen hat die Jugendverwaltung Ost-Berliner Kitas aufgefordert, bislang geduldete Sicherheitsmängel wie fehlende Fluchtwege zu beheben. Noch vor wenigen Jahren ließen West-Berliner Eltern ihre Kinder gleich nach der Geburt auf ellenlange Wartelisten für einen Kitaplatz setzen - sicherheitshalber gleich in mehreren Bezirken.Der Kita-Notstand gehört aber der Vergangenheit an.Seit dem Bundestagsbeschluß von 1992, der Eltern einen Kita-Platz rechtlich garantiert, entstanden in Berlin bis August dieses Jahres 7730 neue Kindergartenplätze.Damit wurde das Angebot in vier Jahren um 20 Prozent erweitert, bilanziert die Jugendverwaltung.Darüberhinaus wurden 18.000 Hortplätze eingerichtet, davon 11.600 im Ostteil. In Ost-Berlin besucht fast jedes Kind eine Kita, dort gibt es 62.762 Plätze.1996 wurden aber 7000 Kinder weniger als 1995 angemeldet, sagt die zuständige Referentin der Jugendverwaltung, Heide Rienits.Im Westteil besuchen hingegen mit 84.219 Kindern 700 mehr als 1995 die Tagesstätten. "Uns haben die Kita-Neubauten sehr entlastet", berichtet etwa Jugendamtsdirektorin Gabriele Jetter aus Neukölln.Im bevölkerungsreichsten Bezirk kann man den seit 1.August 1996 gültigen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz problemlos erfüllen.Die erwartete Anmelde-Welle ist auch in Wilmersdorf ausgeblieben."Bei uns sind die Zahlen identisch", sagt Jugendstadträtin Brigitte Safadi (CDU) aus Wilmersdorf.Ganz anders die Lage in den Ost-Bezirken. "Viele unserer Eltern sind ins Umland gezogen, und auch die Anmeldezahlen bei den Eltern aus dem Westteil gehen zurück", sagt die zuständige Amtsleiterin aus Mitte, Sybille Schönwald.Die Folge: Etwa 580 Plätze können nicht belegt werden.Die Bundesbeamten lehnen diese allerdings für ihren Nachwuchs ab.Der Bundestag will lieber eine eigene Tagesstätte in Berlin bauen.So müssen in Mitte sieben Kitas bis 1997, vier weitere bis zum Jahr 2000 dichtmachen. Ähnlich dramatisch ist die Lage in Hohenschönhausen.Auch dort können es sich einige Familien nicht mehr leisten, statt zehn Monatsbeiträgen (zwischen 60 und 490 Mark) jetzt elf und ab 1997 zwölf Monatsbeiträge zu zahlen.Seit 1991 mußte Jugendamtsdirektor Hans-Georg Schapdik ein Dutzend Kitas schließen und 800 Erzieher in den Überhang schicken.Weitere acht Kitas sollen bis 1997 zur Nutzung durch freie Träger ausgeschrieben werden, "leerstehen lassen können wir die wegen Vandalismus nicht." Künftig sollen dort also weitere Jugendclubs und Seniorenstätten eröffnen. Werden die Kitas umgewidmet, müssen die Räume zuvor baulich überprüft werden.Infolge dieser Checks kam jetzt ein Problem ans Tageslicht, das man mit dem Wiedervereinigungs-Bestandschutz vorerst tolerierte: die mangelnde technische Sicherheit.In den meisten Plattenbau-Kitas fehlt etwa der zweite Fluchtweg.In Hohenschönhausen setzte man behelfsmäßig zusätzliche Türen in Trennwände ein und hängte Flügeltüren aus.Künftig müssen aber zusätzliche Außentreppen in höhere Stockwerke gebaut, rauchsichere Türen und Glastüren eingesetzt, brennbares Material aus den Räumen transportiert werden. Der finanzielle Aufwand für die günstigste Umbau-Version: 30.000 Mark pro Kita.Eltern bräuchten aber nicht um die Sicherheit ihrer Kinder zu fürchten, hieß es bei der Jugendverwaltung.Statt die überschüssigen Kitas zu schließen, verteilen manche Bezirk ihre Kita-Kinder jetzt aus Sicherheitsgründen ins Erdgeschoß der Tagesstätten um.

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